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Corona: Polen kehrt schrittweise zur Normalität zurück

Die polnische Regierung hat einen Teil ihrer verhängten Lockdown-Maßnahmen gelockert. Ab heute (1.Februar) dürfen die Geschäfte und Handelszentren wieder öffnen. Die Sperrzeiten in den Super- und Discountmärkten von 10 bis 12 Uhr, in denen der Einkauf nur Rentnern vorbehalten war, werden wieder abgeschafft. Auch Kultureinrichtungen wie Museen und Gemäldegalerien dürfen wieder unter Wahrung der Sanitär-Regelungen (Maskenpflicht, Abstands-Regelungen) öffnen.
Hotels und Gastronomie sowie Fitness-Clubs bleiben aber weiterhin bis 14. Februar geschlossen. Der Präsenz-Unterricht in den Schulen soll frühestens ab März wieder aufgenommen werden. Auch die 10tägige Quarantänepflicht für Einreisende nach Polen bleibt bestehen (Ausnahme aktueller Corona-Test).

Entscheidung auf Grundlage von US-Forschungsergebnissen

Man habe die Entscheidung unter Abwägung aller Risiko-Faktoren mit großer Vorsicht getroffen, um eine langsame stufenweise Rückkehr zur Normalität zu ermöglichen, erklärte Gesundheitsminister Adam Niedzielski. Die Entscheidung zur Öffnung des Handels und der Kultureinrichtungen stütze sich auf Ergebnisse von Forschungs-Untersuchungen in den USA , wonach der Handel relativ sicher ist und nicht zu den Orten mit dem höchsten Ansteckungs- und Übertragungsrisiko des Corona-Virus gehört. Dies gelte auch für Museen und andere Kultureinrichtungen, erklärte Niedzielski.
Polen hatte am 28. Dezember zum dritten Mal die Lockdown-Maßnahmen eingeführt. Allerdings waren die Schrauben nicht so fest angezogen wie z.B. in Deutschland. So konnten Friseur-Salons weiterhin ihren Kunden die Haare schneiden. Auch wurden keine Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit vorgenommen. Dessen ungeachtet wuchs nach Verlängerung der Lockdown-Maßnahmen am 17. Januar der Druck auf den Kessel, insbesondere im Dienstleistungsgewerbe. In den sozialen Medien formierte sich die Aktion ,,Unternehmer-Streik“, in der Unternehmer die Öffnung ihrer Lokale trotz Verbots ankündigten. Sie berufen sich dabei auf zwei Urteile polnischen Bezirksgerichte, dass die die Verhängung von Strafgeldern bei der Umgehung der Auflagen zur Schließung ganzer Wirtschaftsbranchen nur auf der Grundlage von amtlichen Seuchenschutz-Anordnungen verfassungswidrig sei.

Auch die Ankündigung der Regierung, Firmen, die gegen die Verbote verstossen, von den Corona-Überbrückungshilfen auszuschließen, hielt sie nicht vor der Öffnung ihrer Lokale ab. Ohnehin ist von den Corona-Hilfen der Regierung bei den Firmen im Dienstleistungsgewerbe kaum oder nur wenig angekommen. Sie beruhen im wesentlichen auf Abschlags-Zahlungen – bis zu 5000 Złoty pro angestellten Mitarbeiter – und die Aussetzung von Sozialversicherungsbeiträgen. In der polnischen Volkswirtschaft sind jedoch rund ein Drittel der Beschäftigten nicht auf der Grundlage eines Arbeitsvertrages beschäftigt, sondern beziehen ihr Einkommen auf der Grundlage von zivilrechtlichen Regelungen wie den sogenannten Auftrags-Vertrag. In den von den Corona-Verboten besonders betroffenen Branchen, wie der Gastronomie, dem Übernachtungs- und Tourismusgewerbe, Fitnesscentern und anderen Sporteinrichtungen ist dieser Anteil noch viel größer. Hier werden Mitarbeiter viel seltener mit Arbeitsverträgen beschäftigt. Entsprechend fallen die Firmen aus dem Corona-Hilfsgeldern heraus und müssen um ihre Existenz kämpfen. Nach Angaben des polnischen Wirtschaftskammer für das Gastronomiegewerbe haben seit dem 18.Januar rund 20 000 Firmen in ganz Polen trotz des Verbots wieder ihre Lokale geöffnet. Diese Zahlen werden aber vom Entwicklungs-Ministerium dementiert. Inzwischen hat auch der Polnische Fitness-Verband angekündigt, dass rund 4000 Fitnesscenter trotz des weiterhin bestehenden Verbots ab dem 1.Februar öffnen werden.

Massiver Polizeieinsatz gegen Diskotheken und Nachtclubs

Auf die Öffnung trotz weiterhin bestehender Verbote geht der Staat inzwischen mit verschärften repressiven Maßnahmen vor. So lösten 150 Polizisten und Sondereinsatzkräfte am letzten Januar-Wochenende eine Veranstaltung mit 400 Teilnehmern in einer Diskothek im schlesischen Rybnik unter Einsatz von Gas und Gummi-Geschossen auf. Der Nachtclub hatte schon das zweite Wochenende geöffnet. Auch in dem in der Grenzregion zu Deutschland gelegenen Świebodzin wurde eine Nachtclub mit massiven Polizei-Einsatz geschlossen.

Die Zahl der Corona-Infektionen und Todesfälle ist seit dem Jahreswechsel in Polen deutlich gesunken. Das Gesundheits-Ministerium meldete heute 2503 Neuinfektionen und 33 Todesfälle. Die Situation in den Krankenhäuser sei stabil, die Zahl der Patienten auf den Intensiv-Stationen rückläufig.

Ein Risiko-Faktor bleiben Mutanten des Corona-Virus. Mitte Januar wurde erstmals in Polen auch britische Corona-Mutation B 1.1.7 in Polen nachgewiesen. Festgestellt wurde sie von einem privaten Labor aus Poznań bei einem Ausländer.

Mit genaueren Untersuchungen zur Verbreitung von Corona-Mutanten steht man in Polen jedoch erst am Anfang. Die Test–Labore im gesamten Land wurden jetzt angewiesen, genetische Materialproben des Virus zu einem Screening an eine zentrale Forschungseinrichtung einzusenden.

© André Jański / infopol.PRESS

Erstes Lockdown-Opfer in polnischer Textilbranche

Wie die Adler-Modemärkte in Deutschland hat jetzt auch die polnische Textilbranche ihr erstes prominentes Opfer durch den Corona-Lockdown. Das Bezirksgericht von Łódź hat gegen den Eigentümer der bekannten polnischen Mode-Marke Gatta, dem Unternehmen Ferax, die Insolvenz eröffnet. Nach Korrektur einer fehlerhaften Informationsübertragung durch das Gericht unterliegt das Unternehmen jetzt einem Sanierungs-Verfahren.

Einer der letzten Textil-Produzenten in Europa

Gatta-Kalender mit der Popmusikerin Justyna Steczkowska

Die Marke Gatta steht für qualitativ hochwertige Damen-Unterwäsche, Strumpfhosen und Strümpfe, die auch in deutschen Mode-Boutiquen und Shops verkauft wird. Der Produzent aus Zduńska Wola (bei Łódź) produziert auch Fashion und Sportswear, darunter Shirts, Leggins, Blusen und Röcke. Vor über 25 Jahren gegründet ist er einer der wenigen großen Hersteller in Europa, die ihre Betriebe nicht nach China, Bangladesh oder in ein anderes Land Asiens verlegt haben.
Neben dem weltweiten Export werden die in Zduńska Wola gefertigten Textilien in der Gatta-Ladenkette in Polen verkauft. Dazu gehören 130 Läden. Die meisten davon befinden sich in den großen Verkaufs-Galerien und Handelszentren der Großstädte. Und hier liegen auch die Gründe für die Einleitung des Insolvenzverfahrens. Die hohen Kosten für die Anmietung der Lokale in den großen Handelszentren in Verbindung mit dem Umsatz-Rückgang durch die Lockdown-Maßnahmen haben das Unternehmen an den Rande der Zahlungsfähigkeit gebracht.

Zwar konnte das Unternehmen den ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr mit den zuvor erwirtschafteten Eigenkapital-Reserven (238 Mio. Złoty Umsatz 2019) noch überstehen und danach durch den Anstieg des online-Verkaufs sogar noch einen kleinen Gewinn erwirtschaften. Der zweite Lockdown mit den amtlich angeordneten Ladenschließungen im November und Dezember haben dem Unternehmen jedoch den Rest gegeben. Von der jetzt eingetretenen Situation sind 1300 Mitarbeiter bedroht, die in der Produktion und dem Gatta-Vertriebsnetz beschäftigt sind.

Durch das eingeleitete Sanierungsverfahren ist das Unternehmen Ferax momentan vor der Durchsetzung der Gläubiger-Ansprüche geschützt, insbesondere von den Eigentümern der Handelszentren und den Mietforderungen. Mit den Insolvenzverwalter an der Seite kann das Unternehmen weiterhin seinen Geschäftsbetrieb fortführen. Allerdings sind die Läden weiterhin geschlossen und es ist bislang noch völlig ungewiss, ob die polnische Regierung die Lockdown-Maßnahmen mit der Schließung der Läden in den Februar hinein verlängert. Branchen-Experten sind sich jedoch einig, dass Gatta erst der Anfang einer Pleite-Welle und symptomatisch für die finanzielle Situation der gesamten Textil-Branche in Polen ist.

© Magda Szulc /infopol.PRESS

Erste Gerichtsurteile: Lockdown-Verbote verfassungswidrig

Erst war es nur ein Blumen-Kiosk auf dem Kunst-Eis einer Eis-Halle, danach Schulungs-Angebote auf dem Eis. Immer mehr Firmen in Polen umgehen die Lockdown-Anordnungen und eröffnen trotz drohender Geldstrafen ihre Geschäfte. So auch Łukasz Moskal. Der ist Betreiber eines Freizeitcenters mit der Bezeichnung Laser Factory im ostpolnischen Zamość. Seine Ankündigung in den sozialen Medien, trotz der nationalen Quarantäne sein Geschäft wieder zu eröffnen, hat landesweit für Aufsehen und für Nachahmer gesorgt. ,,Wir sind nicht mehr in der Lage, bis in die Unendlichkeit auf die Hilfe des Staates zu warten. Wir werden uns selbst retten und unser Lokal wieder eröffnen“, schreibt er auf Facebook.

Der Unternehmer ist sich durchaus der Risiken und Konsequenzen dieses Schrittes bewußt. Die Politik würde ihm jedoch keine andere Chance lassen. Ausgleichszahlungen aus dem staatlichen Corona-Hilfsprogrammen habe er zwar beantragt, aber nicht erhalten. Er habe nur zwei Optionen: Entweder Wiedereröffnung oder Pleite . Während die Politiker und ihre Beamten jeden Monat auf eine pünktliche Gehaltszahlung vertrauen können, geht es bei den Selbständigen inzwischen um die nackte Existenz.

Der Unternehmer ist kein ,,Querdenker“ oder Corona.-Leugner. Seinen Betrieb führt er unter strikten Beachtung der Sanitär-Schutzregelungen fort.

Gerichts-Urteile geben Unternehmern Auftrieb

Auftrieb für immer mehr Selbständige in Polen, ihre Betriebe trotz amtlichen Verbots wieder zu eröffnen, hat ein Urteil des Verwaltungsgerichtes in Opole gegeben. Beim ersten Lockdown hatte dort die örtliche Gesundheitsbehörde gegen den Betreiber eines Friseur-Salons eine Geldstrafe verhängt, weil er sich nicht an die staatlich verhängte Schließungs-Anordnung gehalten hatte. Der Friseur legte dagegen Berufung ein. Das Wojewodschafts-Gericht in Opole fällt darauf das erst zum Jahreswechsel bekannt gewordene Urteil, dass die staatlich verhängten Lockdown-Maßnahmen zur Schließung der Läden verfassungswidrig sind, solange kein Notstand im Sinne einer Natur-Katastrophe oder höherer Gewalt ausgerufen wurde. In dem noch nicht rechtskräftigen Urteil wurde die örtliche Gesundheitsbehörde aufgefordert, die sofort wirksame Geldstrafe an den Friseur zurückzuzahlen.

Sammelklagen gegen den Staat

Bei dem Urteil ist es nicht geblieben. Ein ähnliches Urteil, dass die die mit Verordnungen angewiesenen staatlichen Lockdown-Maßnahmen verfassungswidrig sind, hat jetzt auch in den ersten Tagen des neuen Jahres das Bezirksgericht von Warschau öffentlich gemacht. Mit den Urteilen wurde ,,die Büchse der Pandora geöffnet“, kommentiert der Wirtschaftsnachrichten-Dienst money.pl. Die Fachverbände der Wirtschaft, insbesondere der Dienstleistungsbranchen, erwarten jetzt Tausende von Klagen gegen den Staat und Betriebsöffnungen. So haben sich innerhalb von wenigen Stunden nach einem Aufruf des Polnische Fitness-Verbandes im Netz zu koordinierten Entschädigungsklagen gegen den Staat die Betreiber von 400 Sportobjekten gemeldet. Die Anwalts-Kanzlei Dubois und Partner berichtet von der Einreichung einer ersten Sammelklage gegen den Staat, in der sie 45 Vertreter aus der Tourismus-Branche vertritt . Eine zweite Sammelklage auf Zahlung von Entschädigung für die Verluste durch die Schließung aus der Gastronomie-Branche sei bereits in Vorbereitung.

Die Regierung hat bereits darauf reagiert. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hat bereits beim Obersten Verfassungsgericht den Antrag auf Prüfung gestellt, ob die Gerichte in Polen Urteile über die Verfassungskonformität der von der Regierung angeordneten Lockdown-Maßnahmen fällen können. Folgt das Verfassungsgericht der Regierungs-Linie, dann dürften die Chancen auf Entschädigungs-Zahlungen auf Null schwinden.

,,Kreative“ Umgehung der Verbots-Vorschriften

Der Einfallsreichtum und die Kreativität, mit denen polnische Geschäftsleute die Verbots-Vorschriften umgehen, ist unerschöpflich. Da Sportstätten amtlich geschlossen sind, stellte z.B. der Hallen-Betreiber einer Eisbahnfläche in Stettin (Szczecin) einen Blumen-Stand mitten auf das Eis. (Der der Betrieb von Blumenständen ist rechtlich erlaubt). Blumen hat wohl niemand gekauft. Dafür aber Kundschaft, die gegen Gebühr die Eisfläche unter die Kufen nahm. Diesem Beispiel folgten auch die Betreiber anderer Eisbahnen in Polen. Die örtliche Gesundheitsbehörde in Stettin schloss das Objekt und erteilte dem Betreiber eine Geldstrafe. Nach Angaben örtlichen Medien schreckt dies den Hallenbetreiber jedoch nicht ab. Er bietet jetzt ,,Schulung- und Weiterbildungsmaßnahmen“ unter Wahrung der Sanitär-Vorschriften auf dem Eis an. Diese sind nicht verboten.
Vor dem Hintergrund der zunehmenden Aufruhr unter den von der Firmenschließung bedrohten Unternehmern ist bislang noch völlig offen, ob die Regierung die bis zum 17.Januar verhängte Lockdown-Maßnahmen verlängern wird. Die polnische Regierung hatte im Dezember die Beschränkungen gelockert und nach Ende der Weihnachtsfeiertage wieder angezogen.
Wie in allen anderen EU-Ländern wurden auch in Polen über den Jahreswechsel die ersten Impfungen vorgenommen. Nach Angaben des polnischen Gesundheitsministerium wurden in der ersten Januar-Woche knapp 200 000 Personen gegen den Corona-Virus geimpft. Die Impfungen erfolgen dabei in der Reihenfolge nach einem von der Regierung aufgestellten Vierstufen-Impfprogramm. In der ersten, der sogenannten Null-Stufe, wurde das medizinische und Pflegepersonal geimpft. Für großen Unmut in Bevölkerung sorgten dabei Meldungen, dass auch Amtsträger aus Verwaltungen und die sogenannten ,,Sternchen“ – Schauspieler, Künstler und andere Vertreter aus der Unterhaltungs-Branche und dem Big Business – ausserhalb der Reihe sich Impfungen sicherten.

Wirtschaft fordert andere Prioritäten bei der Impfung

Laut dem Regierungsprogramm sollen ab 15. Januar dann auch Personen über 70 Jahre geimpft werden. Die polnischen Wirtschaftsorganisation für Handel und Vertrieb hat eindringlich an die Regierung appelliert, die Prioritäten ihres Impf-Programms neu zu ordnen. Neben dem medizinischen und Pflegepersonals sollten diejenigen bei den Impfungen Priorität haben, die mit ihrer täglichen Arbeit das Leben am Laufen halten und gleichzeitig mit den ständigen und direkten Kontakten zu den Kunden am meisten von einer Corona-Infektion bedroht sind. Der Verband fordert deshalb den Beschäftigten in den Lebensmittel-Märkten und anderen Mitarbeitern der ,,kritischen Infrastruktur“ bei den Impfungen Vorrang zu geben.

© André Jański / infopol.PRESS

Operation ,,Zumbach“ mit politischem ,,Gschmäckle“

Mit einem positiven Feedback haben die polnischen Soldaten die Operation ,,Zumbach“ beendet. Nach ihrer Rückkehr aus Großbritannien lobte Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak ihre Einsatzbereitschaft und die Fähigkeit zu einer schnellen Mobilisierung von deren Formation.
Polen hatte am 1.Weihnachtsfeiertag die Entsendung von jeweils 30 Soldaten vom Flughafen Poznań-Krzesiny mit Militär-Transport-Maschinen CASA C-295 angeordnet. Die meisten von ihnen waren Angehörige der sogenannten WOT-Selbstverteidigungs-Streitkräfte.
Mit Anti-Gentests, Lebensmitteln und Sanitärschutz-Mitteln ausgerüstet, sollten die auf die Insel entsendeten polnischen Soldaten den Briten helfen, die Lkw-Staus aufzulösen. Bereits vor Weihnachten hatten sich Tausende Lkws aufgestaut, nachdem Frankreich wegen der neuen Coronavirus-Mutation die Grenzen geschlossen hatte.

Nach Angaben des WOT-Oberkommandos führten die polnischen Soldaten auf den als dezentralen Stauraum umfunktionierten Flugplatz rund 500 Schnelltests bei den dort wartenden Kraftfahrern durch, denn nur mit der Vorlage eines negativen Testergebnisses konnten die Lkw-Fahrer auf die Fähren. Sie verteilten auch Lebensmittel, Wasser und halfen den britischen Ordnungskräften bei der Regulierung des Verkehrs. Nach der Entleerung des Stauraumes siedelten sie um auf die Autobahn und die Umgebung von Dover, wo sie laut WOT sechs-Versorgungspunkte einrichteten und weitere Tests durchführten.

Polen – Größter Warentransporteur nach Großbritannien

Zwar leisteten die polnischen Soldaten auch Fahrern aus anderen Ländern Hilfestellung. Vordergründig war die Aktion jedoch auf polnische Kraftfahrer ausgerichtet. Sie bildeten denn auch den Hauptteil der auf die Überfahrt wartenden Lkw-Fahrer. Schließlich ist das polnische Transport-Gewerbe nicht nur in der gesamten EU ein Gigant, sondern dominiert auch die Strassen-Frachtverkehre zwischen Großbritannien und dem EU-Festland, einschließlich der Kabotage-Transporte. Nach Angaben des Europäischen Statistik-Amtes Eurostat ist Polen der größte Warentransporteur auf den Strassen zwischen Großbritannien und den EU-Ländern. Vor dem Austritt Großbritanniens aus der EU haben polnische Transportfirmen zuletzt insgesamt 5 Mio. t Ladung zwischen der Insel und der EU im Jahr transportiert.

Operation nach polnischem Flieger-Ass benannt

Zwar war die Hilfe der polnischen Soldaten als reine humanitäre Aktion deklariert. Frei von politischen Hinter-Gedanken und von wirtschaftlichen Interessen getrieben, war sie jedoch nicht. Dafür spricht die als ,,Operation Zumbach“ bezeichnete, kurzfristig angeordnete Aktion, benannt nach dem polnischen Flieger-Ass Jan Zumbach. Der in Polen geborene und aus Schweizer Emigrationskreisen stammende Zumbach hatte in den 30er Jahren in der polnischen Armee eine Flieger-Ausbildung absolviert. Nach den Überfall Deutschlands auf Polen 1939 schlug er sich nach Großbritannien durch, wo er 1940 für die Royal Air Force im Luftkrieg über England zahlreiche Abschüsse deutscher Bomber und Jäger erzielte und Geschwader-Kommandeur der legendären (polnischen) Staffel 303 der britischen Luftwaffe wurde. Die 303 war mit den meisten Abschüssen die erfolgreichste Fliegerstaffel in der Luftschlacht um England. Nach Kriegsende war die Karriere von Zumbach weniger glorreich. In Frankreich verdiente er zunächst sein Geld mit dem Transport von Schmuggelware, war später Betreiber von Spiellokalen und einer Diskothek in Paris, bevor er sich in den 60er Jahren unter den Kampfnamen ,,Johnny Brown“ als weißer Söldner in Schwarz-Afrika verdingte.
Dass die polnische Regierung die kurzfristige Entsendung polnischer Soldaten nach Großbritannien als ,,Operation Zumbach“ bezeichnete, war als politisches Signal an die Regierung von Boris Johnson in London zu werten. Zu dem Zeitpunkt stand der Abschluß des Vertrages zwischen der EU und Großbritannien auf der Kippe. Falls es nicht zu einen Vertragsabschluß mit der EU und einem harten Brexit gekommen wäre, der die Chancen für bilaterale Vereinbarungen eröffnet hätte, wollte sich Polen für die Wahrnehmung seiner Interessen gute Ausgangspositionen verschaffen.

Polnische Transportlobby: Frankreich soll Entschädigung zahlen

Die Aktion wurde in Kreisen der polnischen Verkehrswirtschaft auch als Kontrapunkt zur Position von Frankreich verstanden. Für den Chef des polnischen Verbandes der internationalen Strassentransport-Unternehmen Jan Buczek trug Frankreich allein die Schuld an der Situation, indem es wegen der neuen Corona-Virusmutation sofort die Lkw-Einfahrt nach Frankreich blockiert habe. Geisel des Konflikts wären die ,,polnischen Lkw-Fahrer“ gewesen. Die Entscheidung der Franzosen sei unverantwortlich gewesen und habe den polnischen Transport-Unternehmen schweren Schaden zugefügt. Die Verluste bezifferte Buczek gegenüber der Zeitung Rzeczpospolita auf mindestens 24 Mio. Euro. Nach Ansicht von Buczek stehen Anwalts-Kanzleien bereit, die reale Chance für die Erhebung von Klagen auf Zahlung einer Entschädigung gegen den französischen Staat sehen, durch dessen Handlung Leben und Gesundheit der Lkw-Fahrer gefährdet und die Lieferung und Entladung der transportierten Ware blockiert worden sei.

Foto: PL-MVI-Agentur

Tausende Lkws stauten sich im März vor den Grenzübergängen nach Polen, als die Regierung in Warschau überraschend die Grenzen blockierte. Das Schicksal der tagelang in ihren Kabinen ausharrenden Lkw-Fahrer war den Regierenden seinerzeit völlig egal. Foto: PL-MVI-Agentur Foto

 

Diese Äußerungen und auch die Maßnahmen des polnischen Staates stehen allerdings im scharfen Kontrast zu einem analogen Ereignis im Frühjahr. Die polnische Regierung hatte im März zum Schutz gegen die Übertragung der Corona-Virus aus dem Ausland schlagartig die Grenzen nach Polen blockiert. Wie in Großbritannien über Weihnachten stauten sich seinerzeit Tausende von Lkw vor den Grenzübergängen nach Polen. Auf der Haupt-Trasse im Ost-West-Verkehr, der Autobahn A-12, stauten sich tagelang die Lkw über 60 Kilometer, während am Brücken-Ausgang über die Oder ein einziger polnischer Beamter stand, und seelenruhig eine Fiebermessung bei jedem Fahrer der einzeln vorrückenden Lkws vornahm. Das Schicksal der teilweise tagelang in ihren Kabinen verharrenden Fahrer schien der Regierung in Warschau ziemlich egal zu sein. Anders als in England schickte sie keine militärischen Mobilitätstrupps zum schnellen Abbau der Staus. Und auch vom Verband der polnischen Strassentransporteure waren keine Forderungen an die eigene Regierung zu hören, Entschädigungen für den entstandenen Schaden zu zahlen.

© Andreas Höfer

In der letzten Streichholz-Fabrik gehen die Lichter aus

In der Streichholz-Fabrik in Czechowice (Oberschlesien) gehen die Lichter aus. Der Betrieb gehört zur PCC Consumer Products, eines der 81 Unternehmen der PCC-Gruppe von Waldemar Preussner aus Duisburg. Probleme im Zusammenhang mit der Corona-Krise wären naheliegend. Der ursächliche Grund für die Entscheidung der PCC-Eigentümer, den Betrieb zu schließen, war jedoch die immer mehr zurückgehende Nachfrage nach Streichhölzern. Streichhölzer werden im Alltag immer weniger benutzt.

Die schon seit über 100 Jahren bestehende Streichholz-Fabrik in Czechowice war einer der größten industriellen Hersteller von Zündhölzern in Europa. Als die PCC Consumer Products vor knapp zehn Jahren 85 Prozent der Anteile an der Fabrik vom polnischen Staat abkaufte, hatte der Zündholz-Hersteller schon sein Zenit überschritten. In seinen besten Zeiten produzierte das Unternehmen 650 Mio. Streichholz-Schachteln und 30 Mio. Werbe-Schachteln und -artikel mit Streichhölzern.

Polen war einst eine Hochburg bei der Herstellung von Streichhölzern. Neben dem Betrieb in Czechowice gab es weitere Streichholzfabriken in Danzig (Gdańsk), Bystrzyca, Częstochowa und Sianów. Polmatch Sianów war der älteste Branchenbetrieb in Polen. Seine Ursprünge gingen auf die 1845 gegründete preußische Holzdraht- und Schachtelfabrik in Zanow bei Köslin zurück (Streichholzschachtel August Kolbe & Comp.).

Foto: Streichholz-Museum Częstochowa

All diese Betriebe sind heute schon längst geschlossen. Mit der Schließung der letzten Fabrik in Czechowice erglimmt jetzt für die gesamte Industrie-Branche in Polen das Feuer. Für kleine polnische Manufaktur-Betriebe, die sich bisher großspurig in deutscher und englischer Sprache als ,,größte Streichholz-Hersteller in Polen“ im Internet lobhudelten, ergibt sich damit die Chance, dass ihre Eigenwerbung der Wahrheit nahekommt.

Was bleibt, ist  ein Streichholz-Museum im Wallfahrtsort Częstochowa mit noch funktionstüchtigen Maschinen zur Streichholz- und Streichholzschachtelproduktion.

© André Jański / infopol.PRESS

 

Wie bei einer Pizza – CCC liefert Schuhe an die Haustür

Nach der bisherigen Tages-Rekordzahl von über 27 800 Neuinfektionen hat die polnische Regierung ihre Corona-Schutz-Maßnahmen weiter verschärft. Wie schon im Frühjahr bleiben jetzt vorerst bis zum 29 November weitgehend alle Läden und Märkte in den großen Einkaufszentren geschlossen. Offen bleiben nur einige Dienstleistungs-Einrichtungen, die ,,wesentliche Bedeutung für das tägliche Leben“ haben. Dazu gehören vor allem Läden und Märkte , die Artikel des täglichen Bedarfs verkaufen.

Mit den Einschränkungen haben die Discount- und Supermarkt-Ketten sofort wieder einen Konsum ohne Zeit-Limit eingeläutet.. Polens größte Discounter-Kette Biedronka hatte bereits vor Einführung der neuen Corona-Beschränkungen die Öffnungszeiten eines Großteils seiner Märkte bis auf 2 Uhr nachts verlängert. Andere Ketten zogen nach. Den Vogel dabei schoss dabei Kaufland ab. Damit die Menschen nicht in langen Schlangen vor den Märkten stehen müssen und in Ruhe einkaufen können, hält Kaufland 16 seiner größten Märkte 24 Stunden rund um die Uhr offen. Wie der Dude in der Hollywood-Komödie ,,The Big Lebowski“ kann man also auch 3 Uhr nachts im Schlafanzug und Haus-Pantoffeln bei Kaufland in Polen durch die Verkaufsgänge schlurfen.

Milliarden-Verluste für den Handel

Für die Betreiber der großen Handelsgalerien – insgesamt über 500 mit jeweils mehr als 20 000 m2 Verkaufsfläche in ganz Polen – stellt sich die Situation dagegen weniger amüsant dar. Bereits beim Lockdown im Frühjahr verzeichneten sie nach Angaben der Branchenorganisation PRCH einen Einnahme-Verlust von rund 1 Mrd. Zloty infolge der administrativ angeordneten Freistellung der Ladenmieter von ihren Pachtzins-Zahlungen und weiteren 2 Mrd. Zloty nach Mietsenkungen für den Zeitraum von Juni bis Dezember im Ergebnis von Verhandlungen zwischen Ladenmietern und Eigentümern der Handelszentren.
Im besonderen Maße sind die großen Bekleidungs- und Schuhketten sowie die Märkte für Haushalt- und Unterhaltungselektronik von der Schließung betroffen. Bereits beim Frühjahrs-Lockdown hatten sie erhebliche Verluste erlitten.. Mit einer Intensivierung des Internet-Verkaufs versuchten sie die Verluste zu minimieren. So auch Polens führende Schuhkette CCC. Wie das an der Warschauer Börse notierte Unternehmen in seinem jüngsten Quartals-Bericht bekanntgab, konnten die Einnahmen aus dem e-commerce bis September um 64 Prozent auf 1,61 Mrd. Złoty (rund 360 Mio., Euro) erhöht werden. Dies machte bereits 45 Prozent des gesamten Umsatzerlöses der CCC-Gruppe aus, die in 29 Ländern 1242 Läden – davon die meisten in Polen – betreibt.
Das Unternehmen hatte bereits vor der Corona-Krise eine grundsätzliche Änderung seiner Geschäfts-Strategie beschlossen. Anstelle der Eröffnung von immer neuen Schuh-Salons in repräsentativen Shopping-Malls soll der Schwerpunkt in der Geschäftsentwicklung verstärkt auf den Verkauf über das Internet, begleitet vom ein Ausbau des kanalübergreifenden
Omnichannel-Geschäfts-Modells (stationärer Verkauf / Internet / soziale Medien / mobile Apps) gelegt werden. CCC besitzt inzwischen schon 66 online-Plattformen in allen europäischen Ländern.

Schuh-Lieferung in 60 Minuten

Die Ladenschließung in den Handels-Galerien hat das Unternehmen auf eine neue Idee gebracht, die das Omnichannel-Geschäft – nicht nur im Schuhhandel – auf eine neue Dimension stellen könnte. Das Konzept sieht vor, die Schuhe innerhalb von 60 Minuten nach der Online-Bestellung an die Haustür des Kunden zu liefern. ,,Wir sind einfach davon ausgegangen, wenn man eine Pizza innerhalb kürzester Zeit zum Kunden liefern kann, dann kann man das mit Schuhen auch“, erläutert Konrad Jezierski, der für das Omni-Channel-Geschäft bei CCC verantwortlich ist. Die neue Dienstleistung soll noch im November in Warschau als Test-Versuch anlaufen und dann auf schrittweise auf alle Städte ausgeweitet werden, wo CCC ein Laden-Geschäft hat. Nach Eingabe seiner Postleitzahl bei der Online-Bestellung sieht ein Kunde die verfügbaren Versandoptionen . Voraussetzung dafür ist, dass die Schuhe im Laden vor Ort vorrätig sind. Die Bestellung mit der Lieferoption wird dann an den CCC-Laden vor Ort übermittelt. Der Kurier erhält dann über eine spezielle App die Nachricht zur Abholung der Ware und deren Zustellung an den Kunden.
Mit den Zeit-Limit von 60 Minuten wolle man den Erwartungen und Bedürfnissen insbesondere von jungen Leuten entgegenkommen, für die der Grundsatz gilt ,,Hier und Jetzt“. ,,So wie sie leben, wollen sie auch ihre Einkäufe machen und verfügbare Produkte sofort in die Hand bekommen“, meint dazu der CCC-Manager.
Für das kommende Jahr plant die polnische Schuhkette dann einen Großteil der Lieferungen innerhalb von 30 bis 45 Minuten zuzustellen. Das ist eine Innovation im gesamten Markt-Maßstab. Niemand hat bisher Bestellungen innerhalb so kurzer Zeit an die Haustür geliefert“, ist der CCC-Manager überzeugt.
Wenn das Konzept aufgeht und auch Groß-Unternehmen anderen Branchen mit Vor-Ort-Präsenz, wie z.B. die Bekleidungs-Branche, dem Beispiel folgen, könnte das auch die Handels-Plattformen wie Amazon, Allegro oder Zalando unter Druck bringen.

CCC ist im deutschsprachigen Raum mit 46 Filialen in Österreich vertreten . In der Schweiz hatte CCC vor drei Jahren 10 Mio. Schweizer Franken für die Übernahme der Schuh-Kette Karl Voegele bezahlt. Seinerzeit zählte der Schweizer Filialist über 200 Läden. Seitdem wurde eine Schrumpfung der Ladenzahl vorgenommen. Bis Ende des Jahres sollen nur noch 156 Läden übrigbleiben. Wie schon zuvor in Deutschland, aber auch in Österreich, bringen die Läden bezogen auf die Verkaufsfläche viel weniger Umsatz als die CCC-Läden in Polen. Bei deutlich höheren Kosten! Eine Option ist daher auch wieder den Wiederverkauf des Schweizer Schuh-Filialisten.
In Deutschland hat die polnische Schuhkette ihr Filial-Geschäft bereits dem deutschen Schuh-Händler HR Group (u.a. Reno) für einen Minderheits-Anteil an der HR Goup überlassen.

© André Jański / infopol.PRESS

Corona: Ab sofort ganz Polen im ,,kleinen Lockdown“

Die polnische Regierung hat mit Wirkung vom 10. Oktober die Maskenpflicht für alle im öffentlichen Raum angewiesen. Damit muss jeder in Polen auch auf der Strasse, auf Plätzen, in Parks usw, also unter freiem Himmel, eine Maske tragen.  Polizei und Ordnungsbehörden wurden angewiesen, bei der Durchsetzung der Corona-Schutz-Maßnahmen eine Politik der ,,Null Toleranz“ zu fahren.

Die Regierung zieht mit den angeordneten Maßnahmen die Konsequenz aus den dramatischen Anstieg der Corona-Neuinfektionen. Innerhalb der vergangenen drei Tage hat sich deren Zahl täglich um nahezu 1000 erhöht. Am Mittwoch meldete das Gesundheits-Ministerium  3003 neue Corona-Infektionen und  75 Todesfälle, am Donnerstag 4280 Neu-Infektionen und  76 Tode. Gestern waren 4739 neue Corona-Infektionsfälle. Die neueste Rekord-Zahl vom heutigen Sonnabend: 5300.

 

Ganzes Land eine ,,Gelbe Zone“ 

Noch vor  einer Woche waren nur 28 Kreise und Städte  als ,,Gelbe Zonen“ mit einem erhöhten Gefährdungs-Risiko ausgewiesen. Jetzt hat die polnische Regierung  das gesamte Land mit ,,Gelb“ markiert. Gleichzeitig wurden  32 Kreise und 6 Großstädte als ,,Rote Zonen“ zu Corona-Risikogebieten  erklärt. Dazu gehören jetzt auch die an der Ostsee gelegenen Städte Koszalin, Sopot und Słupsk und Anschlussgebiete.

Ministerpräsident Morawiecki versuchte bei der Vorstellung der Corona-Schutz-Maßnahmen den Eindruck zu vermitteln, dass man weiterhin die Situation unter Kontrolle habe.  Derzeit werden  4725 Personen  wegen einer Corona-Infektion in Krankenhäusern behandelt . Davon sind 346 Patienten an eine künstliche Beatmung angeschlossen.  Die Zahl der zur Verfügung stehenden freien Betten sei doppelt so hoch, beruhigte  Morawiecki. Die Regierung habe Maßnahmen ergriffen, um die Zahl der freien Betten für Intensiv—Patienten um weitere Tausende Betten  zu erhöhen, versprach der  Ministerpräsident der Bevölkerung.  Auch Beatmungs-Geräte seien in genügender Zahl vorhanden.

Auf die Frage von Journalisten, ob die Regierung die Einführung des Ausnahmezustands in Polen erwäge, antwortete  Morawiecki, dass man bei einer weiteren Eskalation der Situation dies nicht ausschließen könne.

Gleichzeitig wich er kritische Fragen aus, inwieweit er und die Regierung  mit ihrer Politik zur Entwicklung der aktuellen Situation beigetragen haben. Mit propagandistischen Auftritten vor laufenden Kameras hatte Morawiecki in der Vergangenheit  immer wieder die Arbeit seiner Regierung gelobt, wodurch Polen im Vergleich zu westlichen Ländern die  Corona-Krise erfolgreich bekämpft habe. Morawiecki war es auch, der bei den Präsidentschaftswahlen insbesondere ältere Menschen dazu aufrief, an die Wahlurnen zu gehen. Sie sollten sich keine Sorgen machen. Die Situation sei sicher, die Corona-Krise bekämpft.

Empörung in den sozialen Medien – Während die Regierung bereits eine Verschärfung der Corona-Schutzbestimmungen ankündigt, präsentierten sich diese Woche 80 Bischöfe dichtgedrängt und ohne Schutzmasken zum Abschluß der 387.Plenartagung der Polnischen Episkopats-Konferenz im Erzbistum Łódź. Kritiker sehen sich dabei in der Annahme bestätigt, dass es in Polen bei der Einhaltung der Corona-Schutzbestimmung eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt. Foto: Episkopat News

Trotz der seit Anfang September  kontinuierlich anwachsenden Zahl der Corona-Infektionen war die Regierung und die Führungsspitzen der Koalitionsparteien im Machtkampf um Posten und Einflußsphären in der Regierung  wochenlang mit sich selbst beschäftigt, kritisiert nicht nur die Opposition.  An der jetzigen Situation seien die Politiker schuld, kritisiert einer der führenden Virologen in Polen  Prof. Krzysztof Simon, Leiter der Klinik für Infektionskrankheiten an der  Medizinischen Universität Breslau (Wroclaw).

,,Das Jonglieren mit Statistiken, wonach es in Polen keinen Mangel an Betten und Beatmungs-Geräten gebe,  verbessert nicht die reale Situation“, schreiben Bürgermeister und Landräte der Wojewodschaft Pommern in einen gestern veröffentlichten Schreiben an Ministerpräsidenten Morawiecki .

Es fehlen Ärzte und Schwestern, Mangel an Medikamenten – Bald Auswahl von Patienten mit Überlebenschance

Den Ministern sei überhaupt nicht der Personal-Mangel in den Krankenhäusern  und die Zugangsbeschränkungen für  Patienten, die an anderen Krankheiten leiden, bewußt. In den Krankenhäusern fehle das Medikament Remdesivir und Covid-19 – Rekonvaleszenten-Plasma  (CAPSID) zur Behandlung  von schweren Covid-19 –Erkrankungen.  Wenn die Dynamik der Neu-Infektionen weiter anhalte und in den nächsten 14 Tagen   nicht genügend dieser Präparate zur Verfügung stehen, werde man ,,eine Auswahl der Patienten treffen müssen, bei denen eine Behandlung und Überlebenes-Chance gegeben ist“, heißt es in den Schreiben.

Ähnlich alarmierende Meldungen kommen auch aus anderen Regionen  Polens, wo fehlende Ärzte und Pflegepersonal beklagt wird. Kritisiert wird auch die von der Zentral-Regierung angeordnete dreistufige Krankenhaus-Gliederung, die oft eine Verlegung von Patienten in bis zu 100 Kilometer entfernte Krankenhäuser mit freien Betten zur Folge hat.  Das ganze Lande werde bald eine Rote Zone sein, warnte der Virologe Prof. Simon gegenüber der Zeitung Rzeczpospolita .

Als Rote Zonen sind von der Regierung Infektions-Herde ausgewiesen, wo innerhalb von 14 Tagen mehr als 12 bestätigte Neu-Infektionen pro 10 000 Einwohnern aufgetreten sind.  Zu den dort geltenden Beschränkungen  gehört u.a. die Herabstufung der der Zahl der Teilnehmer   an Familienfeiern und Hochzeitsgesellschaften auf max. 50 Der Besuch von Kirchen ist auf die Hälfte der Platzkapazität beschränkt. In Kinos dürfen nur noch 25 Prozent der Plätze belegt werden. Ab 22 Uhr gilt in gastronomischen Einrichten die Sperrstunde.  Sanatorien müssen geschlossen werden. Verboten sind Messen, Basar-Handel  und Vergnügungsparks.

Wieder Einkaufszeiten nur für Rentner

Die Polizei kontrolliert die Einhaltung der Maskenpflicht auch in öffentlichen Verkehrsmitteln. Foto Policja Wrocław

Im ganzen Land gilt dagegen die absolute Maskenpflicht auch im öffentlichen Raum unter freiem Himmel. Die Polizei und andere Ordnungsbehörden sind zu einer Null-Toleranz-Politik angewiesen. Personen, die keine Maske tragen, werden mit einer Ordnungsstrafe von 500 Zloty (rund 120 Euro) abkassiert. Bei Einleitung eines amtlichen Strafverfahrens durch die Gesundheits-Behörde ist mit einer Geldstrafe von 30 000 Zloty oder einer Inhaftierung zu rechnen.

 

Für die Vor-Ort-Kontrollen der Personen, die von den Gesundheits-Behörden in die Quarantäne geschickt wurden, wird die Polizei in den Corona-Hotspots jetzt wieder von Soldaten unterstützt. Gegenwärtig befinden sich weit über 200 000 Personen in Polen in der Haus-Quarantäne.

Ab kommender Woche sollen auch wieder Handels-Sperrstunden für Rentner eingeführt werden. In der Zeit von 10 bis 12 Uhr ist der Einkauf in den Läden ihnen vorbehalten.

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ArcelorMittal schließt Hochofen und Stahlwerk in Kraków

Polens größter Stahlproduzent ArcelorMittal Poland (AMP) hat heute (8.Oktober) die Schließung seines Hochofens und des Stahlwerks in Kraków bekanntgegeben. AMP-Chef Sanjay Samaddar begründete die endgültige Schließung mit den anhaltenden Nachfrage-Rückgang in  der europäischen Stahlindustrie in Verbindung mit der Corona-Krise, nicht ausreichenden Schutz-Mechanismen der EU gegen Billig-Importe aus Drittländern, den steigenden Kosten bei den Co2-Emissionsrechten und den hohen Energiepreisen in Polen.

ArcelorMittal hatte bereits schon im vergangenen Jahr seinen Hochofen in Kraków zeitweise heruntergefahren. Er war der bislang noch einzig arbeitende Hochofen des einstigen Eisenhüttenkombinats Stalowa Wola in Kraków, das der weltgrößte Stahlkonzern 2004 übernommen hatte. Auf ihn entfielen rund 1,5 Mio. t der Roheisen-Produktion. Erst 2016 wurde der Hochofen einer General-Reparatur für umgerechnet rund 45 Mio. Euro unterzogen.

Keine Beihilfen für indirekte Co2-Emissionen in Polen

Generell tritt ArcelorMittal im Konzernverbund wegen der schwachen Nachfrage in ganz Europa schon seit geraumer Zeit auf die Bremse. In Polen kommen jedoch noch die schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hinzu. Der AMP-Vorstand erinnerte daran, dass man seit Jahren die Einführung von öffentlichen Beihilfen für indirekte Co2-Emissionen eingefordert habe .
Während in anderen EU-Staaten an energieintensive Unternehmen der Stahlindustrie, der chemischen Industrie, der Papierindustrie u.a. staatlichen Beihilfen für indirekte Co2-Kosten gezahlt werden, begnügt sich die Regierung in Warschau in dieser Frage nur mit Erklärungen und Versprechungen. Ein immer größer werdendes Problem sind auch die Stromkosten in Polen. Sie sind heute schon fast um die Hälfte höher als z.B. in Deutschland und werden im kommenden Jahr noch weiter steigen.
Von der Schließung sind mehr als 1000 Mitarbeiter betroffen, davon 650 direkt in dem geschlossenen Roheisen-Komplex. Die anderen Bereiche des Krakauer Hütten-Betriebs wie die Kokerei, die beiden Walzwerke sowie die Verzinkungs- und die Beschichtungsanlage sind von der Schließung nicht betroffen.
Nach Angaben des Konzern-Vorstands wird die Roheisen-Herstellung von AMP in Polen im oberschlesischen Dąbrowa Górnicza konzentriert, wo die dort arbeitenden zwei Hochöfen ArcelorMittal eine kostengünstige Produktion erlauben.

Auf ArcelorMittal entfallen gegenwärtig rund 70 Prozent des Produktionspotenzials der gesamten polnischen Eisen- und Stahlindustrie. Neben den Betrieben in Kraków und Dąbrowa Górnicza gehören zu ArcelorMittal Poland drei weitere Stahl- und Hüttenbetriebe in Sosnowiec, Świętochłowice und Chorzów. Zu AMP gehört auch die Kokerei in Zdzieszowice (bei Opole), die Europas größter Koks-Produzent ist.
ArcelorMittal beschäftigt in Polen insgesamt rund 11 000 Mitarbeiter.

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Jetzt auch Corona-Risikozonen an der polnische Ostsee

Ab heute (3.Oktober) gelten in Polen verschärfte Corona-Regelungen in 51 Kreisen und Städten. Davon wurden 17 Regionen in Rote Risiko-Zonen eingestuft. Darunter befinden sich auch Gebiete in der Ostsee-Urlauberregion. Die Zahl der bestätigten Corona-Infektionen ist in den vergangenen Tagen drastisch angestiegen. Das Gesundheits-Ministerium in Warschau meldet heute den Rekordwert von 2367 bestätigten Corona-Infektionen.

Wer aus Polen kommt, muss in einigen EU-Ländern inzwischen wegen Corona mit Einreise-Beschränkungen rechnen. In Großbritannien gilt ab sofort 14tägige Quarantänepflicht für Einreisende aus Polen. Auch Griechenland lässt polnische Bürger und andere Einreisende aus Polen nur noch in das Land, wenn sie eine aktuelle negative Test-Bescheinigung vorweisen, die nicht älter als 72 Stunden ist. Bemerkenswert: die griechischen Behörden erkennen dabei keine polnischen Test-Bescheinigungen an. Auch Finnland hat Polen zum Corona-Krisengebiet erklärt und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann andere Länder folgen.
Hintergrund dafür sind die drastisch gestiegenen Zahlen der Corona-Infektionen in Polen. Monatelang , selbst bei der ersten Welle im Frühjahr, lagen die Zahlen der täglich vom polnischen Gesundheitsministerium gemeldeten Infektionsfälle im Schnitt zwischen 200 bis 500. Seit Mitte September sind sie kontinuierlich angestiegen. Gestern (2.Oktober) meldete das Gesundheitsministerium schon 2292 bestätigte Corona-Fälle und 26 Todesfälle. Die heutige Tages-Meldung setzt den Rekord-Anstieg fort: 2367 bestätigte Corona-Infektionen und 34 Todesopfer
Was sind die Ursachen für die plötzlich hohen Anstiege? Hält sich die Bevölkerung nicht an die Auflagen? Mitnichten. In Polen gelten gleiche oder ähnliche Auflagen zur Maskenpflicht und Abstands-Regelungen wie in anderen Ländern. Werden jetzt mehr Tests durchgeführt? Bisher wurden in Polen vor allem in begründeten Verdachtsfällen durchgeführt wie z.B. in der schlesischen Bergbau-Region. In der Landesbreite fiel die Zahl der Tests jedoch gering aus (rund 80 000 bis 130 000 pro Woche).
Die Erklärung für den jetzt rasanten Anstieg der Infektions-Zahlen findet sich möglicherweise in einer Aussage des stellvertretenden Gesundheitsministers Waldemar Kraska. Der gab diese Woche bekannt, dass man jetzt beschlossen hat, bei den Klassifizierungs-Kriterien und den Referenz-Werten die Vorlagen der EU-Kommission anzuwenden. Dies schlägt sich auch bei der Klassifizierung der Corona-Risiko-Gebiete und deren Einteilung in Rote, Gelbe und Blaue Zonen nieder.
Ab heute (3.Oktober) gelten in Polen verschärfte Corona-Regelungen in 51 Kreisen und Städten. Davon wurden 17 Regionen in Rote Risiko-Zonen eingestuft. Waren in der Vergangenheit nur einige wenige vom Kohle-Bergbau gepägten Regionen in Schlesien sowie in Südpolen zu Risiko-Gebieten erklärt, gehören jetzt auch Gebiete an der polnischen Ostsee, wie Sopot,- dazu. Auch die nahe der Grenze zu Deutschland gelegenen Großstädte Stettin (Szczecin) , Gorzów und Zielona Gora fallen jetzt in die Risiko- und Warn-Kategorie der Gelben und Blauen Zonen. Dies gilt auch für andere Metropolen wie Warschau und Kraków.

Die Klassifizierung nach Roten und Gelben Zonen richtet sich nach der Anzahl der bestätigten Corona-Infektionen pro 10 000 Einwohner für einen Zeitraum von 14 Tagen.
> Rote Zone: mehr als 12 bestätigte Corona Infektionsfälle pro 10 000 Einwohner
> Gelbe Zone: 6 bis 12 bestätigte Corona Infektionsfälle pro 10 000 Einwohner
Die blaue Zone weist Gebiete mit Gefährdungs-Risiko aus.

Neben der Maskenpflicht und Abstandsregelungen sind in der Roten Zone Familienfeiern und Hochzeitsgesellschaften auf max. 50 Teilnehmer beschränkt. Der Besuch von Kirchen ist auf die Hälfte der Platzkapazität beschränkt. In Kinos dürfen nur noch 25 Prozent der Plätze belegt werden. Sanatorien müssen geschlossen werden. Verboten sind Messen, Basar-Handel und Vergnügungsparks.
Das Gesundheits-Ministerium kündigte an, ab 15.Oktober die Regelungen weiter zu verschärfen. Bei anhaltend hohen Infektionszahlen sei schon vorher mit einer Verschärfung zu rechnen.
Seit dem Ausbruch der Corona-Krise wurden in Polen 98 140 Corona-Infektionsfälle registriert. 2604 Personen sind seitdem in Verbindung mit einer Covid-19-Infektion verstorben.

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Wegen Corona-Verstosses sitzt eine Frau seit Mai hinter Gittern

Wegen Verstosses gegen die Corona-Auflagen zum Quarantäne-Aufenthalt sitzt eine 38jährige Frau aus Toruń seit Mai im Gefängnis.

Nach einem positiven Corona-Test hatte sie seinerzeit von der örtlichen Gesundheitsbehörde die Auflage bekommen, sich für zwei Wochen in Selbst-Isolation, also in Quarantäne zu begeben. Daran hielt sie sich jedoch nicht. Für Einkäufe und die Besorgung eines Anti-Depressivmittels in der Apotheke verließ sich das Haus. Dort wurde sie von der Polizei wegen des Verstosses gegen die Quarantäne Auflagen und der Herbeiführung einer Bedrohung anderer Menschen durch die Ansteckung mit einer Infektions-Krankheit verhaftet.
Obwohl schon bei zwei weiteren Tests – schon in der Haft – keine Corona-Virus mehr nachgewiesen wurde und auch bei den Personen, mit denen sie in der Apotheke und beim Einkauf Kontakt hatte, die Tests negativ ausfielen, schmort die 38jährige weiter hinter Gittern. Einsprüche des Anwalts deswegen verhallten bei Gericht ohne Wirkung. Mehr noch: Obwohl die Frau an einer ärztlich dokumentierten Depressiv-Krankheit leidet, ordnete die Staatsanwaltschaft im Sommer eine Verlängerung der bereits drei Monate währenden Inhaftierung an.

Empörte Bürger wollen Kaution stellen

Für den Anwalt der Inhaftierten ist diese Entscheidung schon eine Art Strafe, da seine Mandantin einen festen Wohnsitz und keine Vorstrafen und nicht die Absicht hat, zu fliehen. Zudem sei sie schon nicht mehr Träger des Corona-Virus. Ihr Aufenthalt in der Freiheit stelle also keine Bedrohung für andere Menschen, erklärte der Anwalt gegenüber polnischen Medien, die sich inzwischen der Sache angenommen haben.

Nachdem der Fall jetzt in der Öffentlichkeit bekannt wurde, haben zahlreiche, von den völlig überzogenen Justiz-Entscheidungen empörte Bürger, Firmen und Sozialvereine ihre Bereitschaft erklärt, Gelder für eine Kaution zugunsten der Inhaftierten zu stellen.

Eine Entscheidung der Staatsanwaltschaft, die bereits eine Anklage-Schrift vorbereitet hat, steht dazu noch aus. Der Frau droht bei einem entsprechenden Urteil des Gericht eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten bis 8 Jahren.

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