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Warschauer Brauereien mit Robert Lewandowski ,,am Bierhahn“

Foto: PL-Agentur

In Polens Hauptstadt sind die Browary Warszawskie (Warschauer Brauereien) dabei, sich zu einem neuen Szene-Quartier von Warschau zu etablieren. Monatelang durch die Corona-Pandemie verschoben, öffnete im September eine Lokalität nach der anderen ihre Pforten. Als eines der letzten Event-Lokale hat nun auch Robert Lewandowskis NINE’s Restaurant & Sports Bar auf 1300 m² auf vier Etagen eröffnet. Das Etablissement des smarten Bayern-Stürmers war bereits im Vorfeld der Eröffnung wegen der ,,Hungerlöhne“ für das Personal in die Schlagzeilen geraten.

Auf den ersten Blick wirkt das neue Kultobjekt im Warschauer Stadtteil Wola wie ein Fremdkörper in den von modernen Büro-, Geschäfts- und Wohnimmobilien geprägten Quartier. Nur wenige Meter entfernt, ragt mit dem Warsaw Spire Polens größter Büro-Turm mit 220 Metern in den Himmel.
Auf der oberen Ebene werden die Browary Warszawskie auf dem 4,5 Hektar großen Terrain flankiert von in Glas- und Aluminium-Fassaden gesetzten Lokalitäten wie den ,,Munja“, wo Balkan-Spezialitäten und Meeresfrüchte serviert werden, dem ,,Mykonos“ (Griechische Küche) und verschiedenen Cafés. Die Ebene über eine mit Graffiti besprühte Betontreppe nach unter gestiegen, kommt man dann zum Herzstück der Browary Warszawskie: die alten und umgebaute Gewölbe der Brauerei aus einer Zeit, als diese noch ,,Haberbusch i Schiele S.A.“ hieß.
Gegründet wurde sie im 19.Jahrhundert von Konstantin Schiele, Sohn eines thüringischen Einwanderers und Blasius Haberbusch, der Braumeister in München war. Sie und ihre Nachkommen, die inzwischen polonisiert waren, bauten die Brauerei, in der neben Porter-Bieren auch Pilsner und bayrisches Bier gebraut wurden, zu eine der größten Brauereien ihrer Art in Europa auf. Ihre Blütezeit erlebte sie zwischen den beiden Weltkriegen. Nach dem teilweisen Wiederaufbau nach 1945 mussten die deutschen Namen verschwinden. Die Brauerei wurde in Browary Warszawskie (Warschauer Brauereien) umfirmiert. Und das, obwohl während der deutschen Besatzungszeit vom Betriebsgelände Lebensmittel in das angrenzende Jüdische Ghetto geschmuggelt wurden, die Brauerei eine der Untergrund-Stützpunkte der Heimatarmee Armia Krajowa im Kampf gegen die deutschen Okkupanten war und der Sohn von Betriebsdirektor Schiele wegen des Widerstands auf Befehl von Heinrich Himmler erschossen wurde.

Foto: Echo Investment / Archiv

Nach der Privatisierung in den 90er Jahren wurde noch bis 2004 in der Brauerei Bier gebraut, zunächst von der österreichischen Brauunion und zuletzt von Heineken. Internationale Immobilien-Entwickler und –fonds haben danach große Flächen aufgekauft und diesem Viertel des Stadtteils Wola mit den Bau von Hotels, Büro und Geschäfts- und modernen Wohngebäuden sowie Wolkenkratzern ein neues Gesicht gegeben. Die Warschauer sind darauf stolz, doch die moderne Fassaden-Architektur unterscheidet sich nur wenig von der in Houston/Texas oder anderen internationalen Städten mit heruntergerasterten, in Glas und Aluminium verkleideten Gebäude-Strukturen und Strassen-Zügen, in denen sich kaum ein angenehmes Stadtgefühl einstellen will.
Einen Kontrapunkt wollte das polnischen Bauunternehmen Echo Investment setzen, dass die Fragmente der Brauerei wieder ausgrub, tiefer setzte, umbaute und in ein Gebäude-Ensemble setzte, in dem historische Architektur mit modernen Büro- und Wohnbauten verbunden wird. Mit ihren vielfältigen Gastronomie und Event-Locations soll die Brauerei dabei weit über den Stadtteil hinausstrahlen.

Foto: PL-Agentur

Das Herzstück sind dabei die zur ,,Food-Hall“ umgebauten Kellergewölbe mit 11 offenen Küchen. Von ,,Silk&Spicy“ über ,,VietNem“ bis hin zu „Boston Burger“ werden zumeist internationale Spezialitäten als Street Foood angeboten. An manchen Abenden drängen sich bis zu Tausenden Besucher auf dem Gelände. Der über 20 Meter lange Rundtresen ist überfüllt. Für deutsche Gäste mag es in diesen Zeiten hier wie der Besuch auf einen fremden Planeten anmuten. Nach G2 oder G3 fragt hier niemand. Hier wird gefeiert als hätte es Corona nie gegeben. Die Food-Hall wird durch eine Gartenfrei-Fläche mit anderen Lokalitäten verbunden. Dazu gehört das ,,Baila“ mit einem Show & Dinning-Konzept, wo Austern, Salsas und Guacamole zu Bühnen-Auftritten serviert werden, oder die ,,Sobremesa Tapas Bar“. Den Charme und die Einfachheit und Urigkeit einer Tapas-Bar, wie man sie aus Spanien kennt, findet man hier allerdings nicht, genauso wenig wie die Vitrinen, aus denen man sich Tapas oder Pinchos auswählen kann. Tapas bestellt man sich hier von der Speisekarte. Vieles ist hier overstyled und auf ein wohlhabendes Publikum ausgerichtet. Dies trifft auch auf die Brauerei in der Brauerei zu, wo aus der Brauanlage Craft-Biere und aus Fässern ungefiltertes und unpasteurisiertes Bier angeboten werden. In den darüberliegenden Etagen befinden sich Loungen, darunter eine völlig mit eleganten roten Sesseln ausgestattet. Dazu werden traditionelle Gerichte aus der Warschauer und Lemberger Küche serviert. Alles auf höchsten Niveau und das Interieur vom Feinsten. Nur die Atmosphäre und Stimmigkeit einer Brauerei stellt sich hier kaum ein.

Das Malt-House: Lange musste man auf die Eröffnung von Robert Lewandowskis Sports-Bar warten. Foto: PL-Agentur

Wenn man aus den Kellergewölbe hinaufsteigt, erhebt sich auf der anderen Seite etwas abgelegen von dem unten tosenden Trubel das von zwei modernen Bürogebäuden eingekeilte Malz-Haus. Den Bürokomplex zusammen mit dem ,,Malt House“ hatte erst im Sommer die Deka Immobilien, Investment- und Asset Manager der deutschen Sparkassen, für 152 Mio. Euro gekauft. In dem Malz-Haus hat jetzt der Goal-Getter von Bayern München Robert Lewandowski seine lange von der Öffentlichkeit erwartete NINE’s Restaurant & Sports Bar als eine der letzten Lokalitäten der Browary Warszawskie eröffnet. Dabei hatte er schon im Vorfeld für Schlagzeilen gesorgt, als im Sommer in Stellenanzeigen Personal für seine Location mit Stundenlöhnen gesucht wurde, die unterhalb des Warschauer Gastronomie-Niveaus liegen, für Kellner z.B. 15 Złoty pro Stunde (rund 3,30 Euro). Für Warschauer Verhältnisse ist dies ein Hungerlohn. Selbst Studenten bekommen in Neben-Jobs mehr.
Lewandowski neuestes ,,Biznes“ erstreckt sich über 4 Etagen auf rund 3000 Quadratmeter. Seine Geschäftspartner sind diesmal einer der Gebrüder Krzanowski, Eigentümer des Büromöbel-Herstellers Nowy Styl, die laut Forbes zu den 100 reichsten Polen gehören, sowie der in der Gastronomie-Branche erfahrene Manager Jacek Trybuchowski. Das Etablissement ist ganz auf Lewandowski ausgerichtet.

Foto: PL-Agentur

Schon über der Eingangstür thront groß die Nine 9, assoziierend zu RL 9, der Rücken-Nummer von Robert Lewandowski in der polnischen Nationalmannschaft, mit der seit Jahren alles von der Unterhose, über Kaffee bis hin zum eigenen Fitness-Getränk vermarktet. Es ist eben diese Werbe- und Vermarktungsmaschinerie im Profi-.Fußball, die mit David Beckham ihren Anfang nahm und mit CR 7 von Cristiano Ronaldo neue Höhen erreichte. RL 9 von Robert Lewandowski ist davon nur eine Kopie, dafür aber mit konsequent durchdachten Geschäftssinn.
In der ersten Etage befindet sich die Sportbar mit 115 Plätzen, darüber die ,,Fan-Zone“ mit zahlreichen Telebeamern und Bildschirmen und einer Tribüne für 65 Personen. Neben seinen Club-Trikots und denen der Nationalmannschaft präsentiert Lewandowski dort auch die Fußballschuhe, mit denen er mit dem 41. Tor den Bundesliga-Rekord aufgestellt hat. Es gibt auch Brezeln an einem Stand, der hier mit ,,Pretzel-Bar“ bezeichnet wird. Ob sie im Gebäck und Geschmack dem Original gleichkommen, das kann nur ein echter Bayer beurteilen. In der Form her jedenfalls nicht. Sie sind in Form einer Neun gestaltet.

Foto: Nine`s / Instagram

Die Neun findet sich auch in allen Preis-Angaben, was allgemein in polnischen Preis-Angaben unüblich ist, hier aber kein Zufall ist. Die RL9-Vermarktungsmaschinerie zieht sich durch das gesamte Haus durch. In der dritten und vierten Etage werden im Restaurant Speisen aus der internationalen, amerikanischen und polnischen Küche a la Street Food angeboten.
Die Gerichte sind in der Speisekarte englisch ausgeschrieben. Dazu gehören Nine`s Smash – Oklahoma Fried onion burger inspired by George Motz für 42,90 zł. oder Sloppy Goal für 44,90 zł. Das macht Eindruck! Klein darunter ist dann in polnischer Sprache gesetzt, worum es sich bei der Speise eigentlich handelt. Zum Angebot gehören auch grünes Kokos-Curry oder golden knusprige Kalmare und Shrimps – eben alles was ein Fußball-Fan beim Spiel seiner Mannschaft zu sich nimmt! Zumindest hat Lewandowski dabei an die Zuschauer in den Stadion-VIP-Logen gedacht.
Bei den Bier-Preisen ist Lewandowski noch vom Preis-Niveau des München Oktoberfest entfernt. Mit 14 bis 18 Złoty (~ 4 Euro), abhängig von der bestellten Biermarke, liegen die jedoch auch über den üblichen Preis-Niveau anderer Sport-Pubs und Fußball-Kneipen in Warschau und anderen polnischen Großstädten. Was soll`s? Den Besucher-Andrang wird es keinen Abbruch tun. In den ersten Tagen nach der Eröffnung warteten Hunderte Gäste bis zu anderthalb Stunden auf den Eintritt. Lewandowskis Etablissement ist bereits jetzt schon zur einer Touristen-Attraktion in Warschau geworden, die die Kassen klingeln lässt.

© Magda Szulc / infopol.PRESS