Neue Erdgas-Förderstätte an der Grenze zu Deutschland

Foto: PGNiG

Der polnische Erdgas-Versorger PGNiG hat jetzt hat mit der Erschließung einer weiteren Erdgas- und Erdölförderstätte in der Nähe zur deutschen Grenze begonnen. Das Förderfeld befindet sich wenige Kilometer östlich des Grenzübergangs Kostrzyn entfernt. Bereits in den 90er Jahren hatte PGNiG östlich der Oder im Süden von Kostrzyn Erdgas erschlossen. Seit längerer Zeit fördert der polnische Erdgas-Konzern auch Erdgas und Erdöl nordöstlich von Kostrzyn bei Dębno.
Bei der jetzt begonnenen Ausbeute der Lagerstätte Kamień Mały in der an Deutschland angrenzenden Wojewodschaft Lubuskie sind Vorkommen von rund 0,7 Mio. t Erdöl und rund 130 Mio. m3 Erdgas dokumentiert. Die jährliche Förderleistung wird von der PGNiG mit 3,6 Mio. m³ Erdgas und 24 000 t Erdöl angegeben.
Im Vergleich zu den beiden größten Förderstätten der PGNiG in Polen, die sich ebenfalls in der Grenz-Wojewodschaft Lubuskie befinden – im Norden Dębno und im Osten Lubiatowo/ Międzychód – ist dies eine relative bescheidene Größe. Für die Ausbeute der Lagerstätte Kamień Mały spricht jedoch die sehr gute Infrastruktur zur Bewirtschaftung.

Die Anlagen-Installation in der Lagerstätte bilden ein sogenanntes Gruppen-Zentrum, das mit vier Bohrlöchern verbunden ist. Das mit dem Erdgas geförderte Erdöl wird über eine geschlossene Pipeline 20 Kilometer weiter an das PGNiG-Zentrum südlich von Kostrzyn weitergeleitet. Dort wird das Erdöl vom Erdgas getrennt. Das Erdgas strömt über eine Gasleitung zu dem nördlichen Bergwerk Zielin, wo es nach Zuführung der Handels-Parameter in Vertrieb weitergeleitet wird. Das Erdöl wird dagegen mit Tankwagen auf der Straße zum Bahn-Vertriebslager der PGNiG bei Dębno transportiert, wo es in Kessel-Waggons umgeschlagen wird.

Der staatliche Erdgas-Versorger PGNiG betreibt insgesamt 52 Untertagebau-Betriebe zur Förderung von Erdgas und Erdöl in Polen. Die meisten davon sind im Südosten des Landes im Grenzgebiet zur Ukraine. Darunter befindet auch die Förderstätte Bóbrka bei Krosno. Sie gilt als Wiege der internationalen Erdölindustrie. 1854 wurde hier auf Initiative des Apothekers und Naturforschers Ignacy Łukasiewicz der erste Untertagebau-Erdölförderbetrieb der Welt eröffnet.
Ungeachtet der 34 von 52 Förderstätten in Südost-Polen entfällt der größte Anteil der Landesproduktion an Erdöl und Erdgas auf Westpolen und dabei auf die an Deutschland angrenzende Wojewodschaft Lubuskie mit den beiden größten Förderstätten bei Dębno und Lubiatowo. Mit 480 000 t im vergangenen Jahr produzierten diese bei Erdöl drei Viertel der Landesproduktion.
Für die Erhöhung von deren Produktion hatte die PGNiG bereits im vergangenen Jahr Investitionen in Höhe von 750 Mio. Złoty eingestellt. Der Ukraine-Krieg und die Lieferstopps und Beschränkungen bei Erdgas und Erdöl haben die Investitionen zur Verdopplung der Produktion noch beschleunigt.
Insgesamt entfallen rund 15 Prozent des Erdgas-Verbrauches in Polen auf die Förderung des Rohstoffes im Inland.

Langfristig geplante Umstellung auf LNG-Flüssig-Gas

Foto PL-MVI-Agentur

Foto PL-MVI-Agentur LNG Hafen Tanks

Zur Reduzierung der Abhängigkeit von russischen Erdgas hat Polen bereits 2015 den LNG-Gashafen auf der östlichen Seite der Insel Usedom in Świnoujście (Swinemünde) in Betrieb genommen.

Schon 2012 wurde mit dem Emirat Katar ein langfristiger Vertrag zur Belieferung von Swinemünde mit verflüssigten Erdgas (LNG) unterzeichnet.

2017 lief der erste LNG-Gastanker aus den USA Swinemünde an. Seitdem haben sich die LNG-Lieferungen aus den USA schrittweise erhöht.

Nach Angaben der PGNiG kann das LNG-Terminal ab diesem Jahr die Ladungen von LNG-Gastankern übernehmen, die nach der Regasifizierung der Menge von 6,2 Mrd. m³ Erdgas entsprechen.

Aufbau einer eigenen LNG-Tankerflotte

Mit dem Aufbau einer eigenen LNG-Tankerflotte will die PGNiG zu einem ,,Big Player“ im Erdgas-Geschäft aufsteigen. Nachdem bereits auf einer südkoreanischen Werft der LNG-Tanker mit den Namen ,,Lech Kaczyński” zu Wasser gelassen wurde, ist Anfang Juni das zweite, von der PGNiG bestellte LNG-Tankschiff auf Kiel gelegt worden.

Die PGNiG hat insgesamt acht LNG-Tankschiffe bestellt, die bis zum Jahre 2025 schrittweise ihren Betrieb aufnehmen werden. Alle bestellten Tankschiffe haben ein Ladevermögen von 174 000 m³ verflüssigten Erdgas. Nach der Umwandlung in den gasförmigen Zustand entspricht diese Menge 100 Mio. m³ Erdgas. Gegenwärtig beträgt der Erdgas-Verbrauch in Polen rund 20 Mrd. m³ . Das ist rund die 200fache Menge einer Tankschiff-Ladung.

LNG-Tankschiff für den polnischen Erdgasversorger in Südkorea zu Wasser gelassen. Foto: PGNiG

Die LNG-Gastanker-Flotte der PGNiG soll vorrangig für die Bedienung der langfristig abgeschlossenen Verträge für den Kauf von LNG-Gas aus den USA eingesetzt werden. Die bislang abgeschlossenen Verträge mit den US-amerikanischen Unternehmen sehen die Lieferung von 9 Mrd. m³ Erdgas (nach der Regasifizierung) pro Jahr vor.
Davon wurde der größte Teil nach der Formel free-on-board vereinbart, d.h. die PGNiG ist selbst für den Transport des LNG-Gases verantwortlich. Dies eröffnet für den polnischen Erdgas-Versorger die Möglichkeit, flexibel auf den internationalen Märkten als Händler aufzutreten und schon während des Abtransports seine Tankschiffe statt zum heimischen LNG-Gashafen in Swinemünde (Świnoujście) in Gashafen bzw. LNG-Terminals anderer Länder umzuleiten.
Die Tankschiffe werden auf der Grundlage von langfristig unterzeichneten Charter-Verträgen mit der norwegischen See-Reederei Knutsen OAS Shipping und der griechischen Maran Gas Maritim betrieben.

Infrastruktur fertiggestellt – Es fehlt nur das Gas

Von wesentlicher Bedeutung für die Gasversorgung in Polen ist die Ostsee-Pipeline ,,Baltic Pipe“. Ab 1.Oktober soll durch die Pipeline Erdgas aus Norwegen fließen. Erst vor einigen Tagen ist die rund 190 Kilometer lange Anschluss-Leitung zu Lande vorfristig fertiggestellt worden. Ab dem kommenden Jahr sollen über die Baltic Pipe 10 Mrd. m³ Erdgas nach Polen
fließen. Dies ist genauso viel, um die bisherigen russischen Lieferungen zu ersetzen.

Die fertige Rohr-Infrastruktur ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die Frage, die Energie-Experten in Polen bewegt, ist, ob denn überhaupt Gas in der genügenden Menge durch die Pipeline nach Polen fließen kann.
Die Baltic Pipe ist eine von West nach Ost über das dänische Territorium verlaufende Anschluss-Leitung an die seit Jahren bestehende Gasleitung Europipe 2, über die Erdgas aus Norwegen direkt nach Deutschland fließt. Der deutsche Bundeswirtschafts-Minister Robert Habeck hatte unlängst in einem öffentlich wenig beachteten Nebensatz darauf hingewiesen, dass damit ein ,,Y” in der Gas-Leitung aus Norwegen entsteht, was eine Konkurrenz-Situation für die Erdgasversorgung in Deutschland aus Norwegen schafft. Bezeichnend für die Situation in diesem Zusammenhang ist eine Bemerkung des ehemaligen Vorstandschefs des staatlichen polnischen Erdgas-Versorger PGNiG, Marek Kossowski, in den sozialen Medien: ,,Allein der Fakt des Baus von Baltic Pipe wird nicht einmal um einen Kubikmeter die Menge an dem durch die Europipe 2 gepresste Menge an Erdgas erhöhen” Es sei noch völlig ungewiss, ob es gelingt, irgendeinen von den bisherigen Käufer des Gases aus dem Hauptrohr der Europipe 2, an dem Baltic Pipe angeschlossen ist, zu kegeln.

Der polnische Erdgas-Versorger PGNiG fördert zwar selbst auf der Grundlage von 58 Gas-Konzessionen Erdgas im norwegischen Schelf. In seiner Jahresprognose erwartet der Konzern in diesem Jahr dort die Förderung von 2,5 Mrd. m3. Woher und von wem die restliche 7 Mrd. m³ Erdgas kommen, die in einigen Monaten für die Befüllung der neuen Gasleitung Baltic Pipe benötigt werden, ist trotz vollmundiger Politiker-Versprechen eine weiterhin offene und drängende Frage.

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Weitere Senkung der Spritpreise an polnischen Tankstellen

Der Polnische Mineralölkonzern PKN Orlen hat zum zweiten mal in dieser Woche die Preise an seinen Tankstellen gesenkt. Diesel kostet jetzt an den Orlen-Tankstellen 7,35 Złoty (~ 1,55 Euro) und Benzin 6,64 Złoty (~1,40 Euro).
,,Wir arbeiten aktiv daran, damit die Spritpreise in Polen weiterhin die niedrigsten in Europa bleiben“. Mit diesen Worten hatte der Vorstandschef des staatlich kontrollierten Mineralölkonzerns, Daniel Obajtek bereits am Montag die erste Preissenkung in dieser Woche angekündigt. Zur Unterstützung der imagefördernden Botschaft vom Konzern, der „aus guten Willen“ die Preise senkt, verwies er darauf, dass PKN Orlen gerade 130 000 t Erdöl aus dem norwegischen Erdölfeld Johan Sverdrup gekauft habe. Um die Abhängigkeit von russischen Erdöl weiter zu verringern, werden in den nächsten Wochen weitere Tanker im Erdölhafen von Gdańsk (Danzig) einlaufen, teilte Obajtek mit.
Bei der jetzt erfolgten zweiten Preis-Senkung in dieser Woche räumte der Orlen-Chef dann schon ein, dass die niedrigen Tankstellenpreise in erster Linie auf die veränderte Markt-Situation zurückzuführen sind. Kostete der Barrel Rohöl (Brent) in der vergangenen Woche noch über 130 Dollar, ist er jetzt auf dem Niveau von unter 100 Dollar zurückgekehrt.
Auch die polnische Währung hat sich wieder stabilisiert. Der Złoty war in der vergangenen Woche nach Panik-Verkäufen durch internationale Finanzinvestoren im Verhältnis zum Dollar auf den niedrigsten Stand seit 21 Jahren abgerutscht, im Verhältnis zum Euro bis nahe 5 Złoty. Historisch war das das höchste Niveau seit Einführung des Euros. Die polnische Zentralbank NPB musste mehrere Male mit Interventions-Käufen den Kursverfall stoppen.
Mit der zweiten Preis-Senkung an den Orlen-Tankstellen haben die anderen Tankstellen-Konzerne Probleme mitzuhalten. Preisanpassungen erfolgen nur zögerlich. Insbesondere an privaten Tankstellen, die noch Treibstoff-Vorräte aus teuren Lieferungen haben, bezahlt der Autofahrer mehr als an den Tankstellen von PKN Orlen. Allerdings gilt das nur für Polen, nicht an den rund 600 Orlen- und Star-Tankstellen in Deutschland.
Marktbeobachter gehen davon aus, dass die sinkende Preis-Tendenz an den Tankstellen in den nächsten Tagen erhalten bleibt. Nicht auszuschließen sind aber plötzliche Preis-Turbulenzen, wenn z.B. schlechte Nachrichten aus der Ukraine kommen, die den Markt erschüttern.

Erdöl aus Saudi-Arabien

PKN Orlen bezieht zur Zeit noch rund die Hälfte seiner Erdöl-Lieferungen, die in der Raffinerie Plock verarbeitet werden, aus Russland. Von Rosnieft bezieht der Konzern im Rahmen von langfristigen Verträgen, die zum Jahreswechsel auslaufen, monatlich 300 000 t.
Beim zweiten russischen Konzern Tatnieft kauft Orlen monatlich 200 000 t. Der Vertrag mit diesem Lieferanten läuft erst 2024 aus. Die anderen 50 Prozent seines Erdölbedarfs bezieht PKN Orlen aus Saudi-Arabien, den USA, Westafrika und Norwegen.
Laut den Beteuerungen von Obajtek ist PKN Orlen auf den Fall von Sanktionen und dem Ausfall von russischen Erdöl-Lieferungen vorbereitet. PKN Orlen hatte Anfang des Jahres im Rahmen seiner Fusion mit dem zweiten polnischen Mineralölkonzern Lotos, der auch vom Staat kontrolliert wird, mit dem weltgrößten Erdöl-Lieferanten Saudi Aramco einen langfristigen Vertrag über die Lieferung von bis zu 20 Mio. t Erdöl im Jahr unterzeichnet.

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Tank-Limit eingeführt: Nur noch 50 Liter an Orlen-Tankstellen

♦ Panik vor Kraftstoff-Mangel und Preis-Explosion wegen Ukraine-Krieg

Polens größter Tankstellenbetreiber rationiert das Tanken

Der staatlich kontrollierte Mineralölkonzern PKN Orlen hat ein Tank-Limit an seinen über 1500 Tankstellen in Polen eingeführt. Pkw-Fahrer dürfen nur noch 50 Liter tanken. Für Lkw sind nur noch 500 Liter erlaubt.
Der Konzern reagierte mit den Beschränkungen auf die lange Warteschlangen vor den Tankstellen. Polnische Autofahrer hatten sich in einer Panik-Reaktion auf den Ausbruch des Krieges in der Ukraine und der Befürchtung, dass die Treibstoff-Versorgung gestoppt und die Preise steigen, in größeren Mengen mit Benzin und Diesel eingedeckt. In den Medien gingen Fotos von Autofahrern um, die Kraftstoffe in mehreren Ersatz-Kanistern einfüllten. Der Run auf die Tankstellen wurde noch von Meldungen in den sozialen Medien befeuert, dass an Tankstellen bereits 10 Zloty pro Liter zu zahlen sind und die Preise noch weiter auf 15 Zloty steigen werden. Der Vorstand von PKN Orlen erklärte, dass die Panik an den Tankstellen u.a. durch gezielte Desinformationen im Internet ausgelöst wurde. Der Konzern versicherte, dass die Versorgung der Tankstellen mit Benzin und Diesel gesichert sei. Seit 2013 habe man die Erdöl-Lieferungen an die polnischen Raffinerien diversifiziert. Seitdem sei der Anteil russischen Erdöls an der Verarbeitung in der Orlen-Raffinerie in Plock von 98 Prozent auf weniger als 50 Prozent gesunken. Zudem hatte PKN Orlen erst zu Jahresbeginn mit dem größten Erdölproduzenten der Welt, Saudi Aramco, ein Vertragswerk unterzeichnet, das u.a. eine langfristige Lieferung von saudi-arabischen Erdöl nach Polen in der Größenordnung von täglich 200 000 bis 370 000 t Barrel vorsieht.

Bislang gibt es keine Hinweise, dass auch andere Marken-Tankstellen dem Beispiel des Branchenriesens PKN Orlen folgen. Der branchenübergreifende Dachverband POPiHN sieht dafür keine Veranlassung. Nach seinen Angaben reichen die Vorräte an Erdöl und Kraftstoffen gegenwärtig für 98 Tage. PKN Orlen selbst kündigte an, dass die Beschränkungen an den Tankstellen nur vorübergehend seien bis sich der Verkauf wieder auf das Standard-Niveau eingepegelt habe. Gegenwärtig ist der Verkauf um 200 bis 400 Prozent höher.
Der staatsnahe Konzern hat sofort einigen seiner Tankstellen-Pächtern die Verträge gekündigt, die die Kraftstoffe mit hochgetriebenen Preisen verkauft haben. Auch die Verbraucherschutz-Behörde kündigte an, mit Kontrollen gegen Tankstellen-Betreiber vorzugehen, die die unsichere Situation im Zusammenhang mit der Ukraine zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen.

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Polen gibt Klimapolitik der EU Schuld für hohe Strom-Rechnungen

In einer landesweiten Plakatwand-Aktion gibt die polnische Regierung der EU-Klimapolitik die Schuld für die hohen Strom-Rechnungen der polnischen Verbraucher. Die EU-Kommissionswiderspricht dem vehement und verweist auf die Einnahmen, die der polnische Staat aus den Co2-Emissionsrechten erzielt und den jahrelangen Versäumnissen in der polnischen Politik bei einer konsequenten Umstellung auf eine klimafreundliche Energie-Erzeugung.

Es ist wie in Wahlkampfzeiten. Seit Tagen werden die Straßen polnischer Innenstädte von meterhohen, überdimensionalen Plakat-Wänden flankiert. Neben einer stilisierten Glühbirne mit den Sternen und Farben der EU ist darauf zu lesen, dass die Klima-Gebühr der EU 60 Prozent der Kosten der Energie-Produktion ausmacht. Propagandistisch wird aus dieser Aussage der Schluss gezogen, dass die EU-Klimapolitik für die teuren Energiepreise und hohen Stromrechnungen verantwortlich ist.
Mit dem verwendeten, die Anti-EU-Stimmungen anheizenden Begriff ,,EU-Klimagebühren“ sind die stark gestiegenen Preise für Co2-Emissionszertifikate gemeint. Für die landesweite Kampagne zeichnet offiziell die Gesellschaft der Polnischen Kraftwerke verantwortlich. Die hat nur 12 Mitglieder. Die Mehrheit von ihnen sind vom Staat kontrollierte Energiekonzerne. Ideengeber für die Kampagne, die 12 Mio. Złoty kostet, ist das Ministerium für Staatsvermögen. Dessen Chef, Vizepremier Jacek Sasin hatte bereits im Januar in der Öffentlichkeit erklärt: ,,Heute sind über 60 Prozent der Rechnung, die jede polnische Familie für Strom bezahlt, EU-Gebühren u.a. für die Co2-Emissionen“ In ähnlicher Weise äußerte sich auch Regierungschef Morawiecki , der die Schuld für die hohen Stromrechnungen, die die polnischen Verbraucher im Januar erhielten, der EU gibt.
In Brüssel ist man darüber empört. Die EU-Kommission wertet die Billboard-Kampagne in Polen als Manipulation der Öffentlichkeit mit falschen Behauptungen. ,,Die EU-Politik ist nicht für 60 Prozent der Strom-Rechnungen verantwortlich““, schrieb dazu Frans Timmermans, Vizechef der EU-Kommission in einem speziellen Tweet. Wer mit einer solchen Zahl operiere, verdrängt den Fakt, dass sich ein bedeutender Teil der Stromrechnung aus den Kosten der Strom-Übertragung, Landessteuern und anderen Abgaben zusammen setze. Nach Auffassung der EU-Kommission machen die Preise für die Co2-Emissionsrechte nur 20 Prozent der polnischen Strom-Rechnungen aus. Timmermanns erinnerte auch daran, dass die Einnahmen aus den Co2-Emissionsrechten im Rahmen des europäischen Emissionshandelssystems ETS nicht nach Brüssel fließen, sondern in die Staatshaushalte der jeweiligen EU-Länder. Der polnische Staatshaushalt hat dadurch im vergangenen Jahr zusätzlich 28 Mrd. Złoty (rund 6 Mrd. Euro) bekommen. Im Unterschied zu anderen EU-Ländern, die bis zu 100 Prozent der Einnahmen aus dem Emissionshandel in die Modernisierung des Energiesystems und den Klimaschutz investieren, gibt Polen dafür nur 50 Prozent der Einnahmen aus. Der andere Teil der Einnahmen verbleibt im Staatshaushalt. Deren Ausgabe durch die Regierung ist intransparent.
Zu ähnlichen Einschätzungen, allerdings nicht so tiefgestapelt wie die der EU-Kommission, kommen auch polnische Energie-Experten. Nach Modell-Berechnungen des Energie-Fachportal wysokienapięcie machen die Co2-Kosten 27 Prozent in der monatlichen Stromrechnung aus. In der weitverbreiteten Tarifgruppe G bezahlt der polnische Privatverbraucher in diesem Jahr eine monatliche Stromrechnung in Höhe von 151 Złoty (gegenwärtig durch die befristete Steuersenkung 129 Złoty). Davon entfallen 50 Złoty auf die Vertriebskosten, 48 Złoty auf die Stromkosten und rund 34 Złoty auf die Co2-Emissionspreise. Den Rest machen andere Gebühren und die Mehrwertsteuer aus. .Damit muss der Privatverbraucher in diesem Jahr durchschnittlich 210 Złoty (rund 50 Euro) mehr für Strom bezahlen, was eine Erhöhung der Strompreise um 14 Prozent ausmacht.

In einer Nacht-und-Nebelaktion haben Aktivisten von Greenpeace die Losungen der Billboard-Aktion geändert: Die Kraftwerke manipulieren. Die hohen Energiepreise sind auf die Kohle zurückzuführen. Foto Greenpeace / Twitter

Jahrelang haben sich die Strom-Rechnungen polnischer Privathaushalte auf einem relativ niedrigen Niveau gehalten. Nach Meinung der Experten war dies vor allem auf relativ wenig Investitionen in den Energiesektor, die seit Jahren von der staatlichen Energie-Regulierungsbehörde URE gedeckelten Energiepreise für Privat-Haushalte und auch die niedrigen Co2-Preise zurückzuführen. Nachdem 2005 in der EU das ETS-Emissionshandelssystem eingeführt wurde, dümpelten die Preise für die CO2-Emissionszertifikate, auch Verschmutzungsrechte genannt, lange Zeit auf sehr niedrigen Niveau. Nach dem Verursacher-Prinzip geschaffen, soll das ETS-System den Energiesektor und Industrieunternehmen zwingen, ihre Treibhausgasemissionen zu verringern. Verfügen sie nicht über eine ausreichende Anzahl von Genehmigungen für ihre Schadstoff- Emissionen , sollen sie eine zusätzliche, für sie notwendige Menge an Emissionszertifikaten kaufen.
Das ETS-Zertifikate-System funktionierte in den ersten Jahren nach seiner Einführung jedoch nur bedingt, weil die Zahl der jährlich erteilten kostenlosen Emissionsrechte und das Volumen der auf dem Markt gehandelten Genehmigungen zu hoch war. Bis weit in die 2010er Jahre hinein lag der Preis für die Emission von einer Tonne Co2 auf dem Niveau von 20 Euro. Dies kam der polnischen Energiewirtschaft entgegen, die bis heute zu 75 Prozent mit zum Teil überalterten Kohlekraftwerken Strom erzeugt. Notwendige Investitionen in die Modernisierung, die Diversifizierung des Energie-Mixes und den Ausbau der erneuerbaren Energien wurden nicht vorgenommen, verzögert oder nahezu zum Stillstand gebracht wie bei den Windenergie-Anlagen zu Lande. Es ist noch gar nicht so lange her, da die politischen Führungsspitzen der Kohlebasierten Energiewirtschaft frönten. Als besonders makaber ist eine Aussage von Staatspräsident Andrzej Duda am Rande der Weltklima-Konferenz in Katowice Ende 2018 in Erinnerung geblieben. Duda sagte seinerzeit vor Bergleuten, Kohle sei ,,der größte Schatz Polens“ und es werde sich auch in Zukunft nichts daran ändern, dass sich die polnische Volkswirtschaft im wesentlichen Maße auf die Kohle stützt. Noch im Jahr darauf begannen die Bauarbeiten für ein neues Kohlekraftwerk im nordpolnischen Ostrołęka. 1,5 Mrd. Złoty wurden dabei versenkt, bis der Bau eingestellt, die Bauruine teilweise abgerissen und eine Neu-Konzipierung auf Erdgasbetrieb erfolgte. Mit Beginn der Energiekrise und den steigenden Energiepreisen seit 2020 hat die nationalkonservative PiS-Regierung nun einen Kurswechsel vollzogen. Die hohen Schadstoff-Emissionen, das Alter der Kraftwerke, der ungenügende Ausbau der Strom-Vertriebsnetze, der geringe Ausbau Erneuerbarer Energien und das für die nächsten Jahre sich abzeichnende Defizit an Erzeuger-Kapazitäten bleiben jedoch bestehen.

Ablenkung von den eigenen Versäumnissen

Nach Auffassung von Experten der Warschauer Denkfabrik ,,Forum Energii“ versucht die polnische Regierung von den strukturellen Problemen der polnischen Energie-Wirtschaft und ihren Versäumnissen und Verzögerungen bei der entschlossenen Planung zur Modernisierung des Sektor abzulenken, in dem sie jetzt die Schuld für die Energiekrise und die Verteuerung der Strompreise auf äußere ‚Faktoren lenkt. Vorneweg dabei Regierungschef Morawiecki, der seit Monaten auf den EU-Spitzentreffen die rasant gestiegenen Co2-Preise für die Energiekrise verantwortlich macht und eine Aussetzung des Emissionshandelssystems und seine Reformierung fordert.
Dabei ist auch bei regierungsunabhängigen Experten unstrittig, dass die hohen Co2-Kosten die Stromproduktion verteuert haben, was allerdings im Fall Polens nur der halbe Teil der Wahrheit ist.
Mit der Reduzierung der Emissions-Zertifikate und der 2018 von der EU getroffenen Entscheidung, dass Finanzinstitute auf dem Markt tätig werden und mit derivativen Finanzinstrumenten auf den steigenden oder fallenden Kurs von CO2-Genehmigungen spekulieren, sind die Preise für Co2-Emissionsrechte drastisch gestiegen. Lagen sie noch Anfang des vergangenen Jahres bei 30 Euro pro Tonne ausgestoßenen Co2, stiegen sie bis September auf 60 Euro, um Anfang Februar dieses Jahres den vorläufigen Höchstwert von 96 Euro zu erreichen.

Handel mit Verschmutzungsrechten ein Milliarden-Geschäft

Die verschärften Klimaschutzziele der EU, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2030 um 55 statt 40 Prozent zu senken (im Vergleich zu 1990), haben dieser Preisentwicklung Vortrieb geleistet. In Erwartung von immer höheren Preisen ist der Handel mit Emissions-Zertifikaten zu einem Milliarden-Geschäft geworden, das den von Finanz-Akteuren geprägten Markt-Prinzip unterworfen ist. Seit 2018 hat sich die Zahl der am Co2-Handel beteiligten Investmentfonds und Banken verdreifacht. Mit dabei sind auch vermögende Klima-Aktivisten, die dazu aufrufen, Co2-Zertifikate zukaufen. ,,Jedes Zertifikat, das du kaufst wird eingelagert und reduziert so direkt den Ausstoß von exakt dieser Menge CO2 in die Atmosphäre. Denn es steht der Industrie nicht mehr zur Verfügung. Gleichzeitig steigt der Zertifikatspreis durch eine Verknappung des Angebots, was die Unternehmen zum Umstellen auf klimaneutrale Alternativen zwingt”, heißt es In einen der zahlreichen Blogs.
Polens Regierungschef Morawiecki hat wiederholt auf EU-Spitzentreffen ein Stopp des Emissionshandels gefordert, dessen Preisentwicklung den von Finanzakteuren getriebenen Spekulations-Mechanismen ausgesetzt ist. Das System werde dazu benutzt, den Preis künstlich in die Höhe zu treiben. Die EU-Kommission hat dem widersprochen. Sie verweist auf die Ergebnisse der europäischen Regulierungs- und Aufsichtsbehörden ACER und ESMA, dass es keine offensichtliche Preis-Manipulation gebe. Mit schnellen Änderungen an dem Zertifikate-System, das Kohlekraftwerke und klimaschädliche Industrieunternehmen zur Umstellung zwingt, ist daher nicht zu rechnen.

Co2-Flucht aus Europa

Die Befürworter des Marktprinzips im Emissionshandel lassen allerdings die volkswirtschaftlichen Konsequenzen, auf denen die europäischen wie auch polnische Industrieverbände seit langem aufmerksam machen, völlig außer acht. Das europäische Emissionszertifikate-System ist das weltweit das restriktivste System. Europa ist aber ,,nur“ für weniger als 20% der weltweiten Emissionen verantwortlich. Wenn die spekulativ hochgeschraubten Preise über das Niveau von 100 Euro pro Tonne hinausschießen – ursprünglich sollte das Niveau erst im Jahr 2030 erreicht werden – verlieren die Industriezweige in Europa, die für ihre Produktion Emissionsrechte kaufen müssen, schnell ihre Wettbewerbsfähigkeit. Die Produktion wandert dann in Länder außerhalb der EU ab, wo es diese Kosten nicht gibt. Der polnische Branchen-Verband der Zementhersteller hat erst im Januar darauf aufmerksam gemacht, dass der kontinuierlich steigende Import von Zement aus Nicht-EU-Ländern wie der Türkei oder Belarus im Zusammenhang mit den hohen Kosten der Co2-Emissionsrechte steht, die die Zementproduzenten in Polen und der EU bezahlen müssen. In Branchenkreisen geht daher die Sorge um, dass Polen in Zukunft das gleiche Schicksal wie Griechenland ereilen könnte, wo wegen dem Import aus Nicht-
EU-Ländern kein Zement mehr produziert wird, oder wie in Spanien, Italien oder Frankreich, wo aus dem gleichen Grund die Produktion gedrosselt wurde. Der Chef der Baustoff-Sektion der Gewerkschaft Solidarność Tadeusz Ryśnik warnte bereits, dass rund zwei Drittel der Beschäftigten in den polnischen Zementwerken ihren Arbeitsplatz verlieren werden, wenn der Preis für Co2-Emissionsrechte die Schwelle von 100 Euro pro t überschreitet.
Die EU-Kommission plant zwar eine CO2-Steuer auf Importe (CBAM) aus dem Ausland. Die soll die Nachteile europäischen Produzenten im internationalen Wettbewerb und die Co2-Flucht in Länder mit geringeren Umweltstandards verhindern. Diese wird jedoch , wenn überhaupt, frühestens in zwei bis drei Jahren in Kraft treten. Doch schon jetzt sind im Fall Polens 70 Prozent der Landesproduktion von Zement-Importen von außerhalb der EU bedroht. Eine ähnliche Situation besteht in anderen Bereichen der Baustoff-Produktion, der Stahlindustrie und anderen energieintensiven, klimaschädlichen Industriebranchen. Nicht nur in Polen, sondern in der gesamten EU.

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Entscheidung gefallen: Polen baut erstes AKW an der Ostseeküste

Für den Bau des ersten polnischen Atomkraftwerks ist jetzt als bevorzugter Standort die Doppel-Ortschaft Lubiatowo-Kopalino an der Ostsee-Küste ausgewählt worden. Dies teilte der Investor, die staatliche Gesellschaft Polnische Atomkraftwerke PEJ (Polskie Elektrownie Jądrowe) mit. Im ersten Quartal sollen dazu der obersten Umweltbehörde die Unterlagen für die Umweltverträglichkeits-Prüfung vorgelegt werden.
Nach langjährigen Untersuchungen von 92 potenziellen Standorten habe sich das rund 80 Kilometer östlich von Słupsk gelegene Lubiatowo-Kopalino als der am bestens geeignete Standort erwiesen, der ,,alle an einen solchen Objekt-Typ gestellten Umwelt-Anforderungen erfüllt und der für die Anwohner sicher ist“, heißt es in der Mitteilung der PEJ.
Lubiatowo-Kopalino liegt direkt am Meer. Nur der Küstenwald trennt die beiden kleinen Ortschaften vom weitläufigen Sandstrand. Die Orte gelten als Geheimtipp unter polnischen Touristen, die abseits von der üblichen Rummelplatz-Atmosphäre an polnischen Ostsee-Badeorten einen Sommerurlaub in einer unberührten Natur schätzen.

Ruine des in den 80er Jahren unvollendeten Atomkraftwerks Żarnowiec. Fotos: PL-Agentur

Als zweiter Standort wurde das 30 Kilometer südlich von Lubiatowo-Kopalino entfernte Kartoszyno am malerischen Żarnowiec-See ausgewählt. Dort liegen noch die Bauwerks-Ruinen des AkW, dessen Bau in den 80er Jahren nach der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl eingestellt wurde.
Polens Umwelt- und Klimaministerin Anna Moskwa kommentierte die Standort-Entscheidung der PEJ mit den Worten: ,,Polen braucht die Kernenergie. Der Bau des ersten Kraftwerks dieses Typs ist von wesentlicher Bedeutung für das gesamte Land, sowohl aus Sicht der Energie-Transformation wie auch der Energie-Sicherheit“.
Laut den Absichtserklärungen der Regierung erfolgt der Kohle-Ausstieg schrittweise bis 2049. Bis dahin soll Kohle als Energie-Quelle neben der Offshore-Windenergie durch Kernkraft ersetzt werden. Im Regierungsprogramm für die polnische Energie-Politik bis zum Jahre 2040 ist dazu die Inbetriebnahme des ersten Atom-Energieblocks mit einer Leistung von 1 bis 1,6 GW im Jahre 2033 vorgesehen. In den Jahren danach sollen schrittweise im Abstand von zwei bis drei Jahren weitere fünf Atom-Energieblöcke dazu kommen und die Gesamtleistung auf bis zu 9 GW ausgebaut werden. Soweit die Theorie. Wer die Atomkraftwerke bauen und wie viel sie kosten werden, sind weiterhin Fragen, die auf eine konkrete Antwort warten.
Lange Zeit galten die Amerikaner als Favoriten für den Bau des ersten polnischen Atomkraftwerkes, nachdem Warschau im vergangenen Jahr mit der Trump-Regierung einen 30-Jahre-Vertrag zur Entwicklung des polnischen Atomenergie-Programms unterzeichnet hatte, der eine Finanzierung einschloss. Noch im Juni dieses Jahres hatte der US-Konzern Westinghouse eine finanzielle Zusage von der amerikanischen Handels- und Entwicklungsagentur USTDA für die Aufnahme von Ingenieur- und Projektierungsarbeiten für den Bau von Atomkraftwerken in Polen erhalten. Inzwischen sind die polnisch-amerikanischen Beziehungen jedoch deutlich abgekühlt. Das eben vom polnischen Parlament als Lex TVN bezeichnete Mediengesetz, das die Pressefreiheit und die Existenz des Fernseh-Senders TVN gefährdet, der bislang größten amerikanischen Investition in Polen (Medienkonzern Discovery, könnte allerdings Befürchtungen der Amerikaner zur Investitions-Sicherheit und politischen Zuverlässigkeit Polens als Bündnispartner noch verstärken.

Französisches Angebot für EPR-Druckwasserreaktoren

In diese Lücke ist die französische Atom-Lobby gestoßen. Im Herbst hat der französische Energiekonzern EDF der polnischen Regierung ein Angebot für den Bau von vier bis sechs Kern-Reaktoren mit einer Leistung von 6,6 bis 9,9 GW für 150 bis 220 Mrd. Złoty (rund 33 Mrd. bis 50 Mrd. Euro) unterbreitet. Dabei sichert die EDF auch eine finanzielle Unterstützung durch die französischen Regierung zu, die sich auf bis zu 50 Prozent der Kosten der gesamten Investition belaufen soll. Das französische Angebot stützt sich auf die EPR-Druckwasserreaktoren. Deren Bau in Großbritannien, Finnland und am Heimat-Standort Flamanville ist allerdings von langjährigen Verzögerungen und einer sich daraus ergebenden Kosten-Explosion verbunden.

15 000 Euro-Scheck aus Südkorea als vertrauensbildende Maßnahme. Foto: Gmina Choczewo

Ein mindestens 30 Prozent günstigeres Angebot als das französische verspricht der südkoreanische Konzern KHNP mit seinem Atom-Reaktor APR1400. Auch hier wird eine finanzielle Unterstützung durch die Regierung in Seoul zugesagt. KHNP will dazu Anfang des neuen Jahres der polnischen Regierung ein detailliertes Angebot unterbreiten. Die Koreaner haben bereits vorgefühlt und im Rahmen einer offensiven Lobby-Arbeit vor Ort nach der Devise ,,Mit Speck fängt man Mäuse“ der Gemeinde Choczewo, zu der Lubiatowo-Kopalino gehört, einen Scheck von 15 000 Euro überreicht.
Nicht nur die staatliche Energiewirtschaft, auch große polnische Privat-Unternehmen planen den Aufbau von kleinen Atom-Reaktoren. So hat u.a. die Synthos-Unternehmensgruppe, die vom polnischen Milliardär Michał Sołowow kontrolliert wird. Synthos hatte bereits vor zwei Jahren mit GE Hitachi Nuclear Energy eine Vereinbarung zur Anwendung der Technologie von kleinen Atomreaktoren vom Typ BWRX-300 getroffen. In einem Folge-Vertrag mit dem Energiekonzern OPG und den Produzenten von Zulieferkomponenten für diesen Reaktor-Typ BWXT Canada hat das Unternehmen Synthos Green Energy die Bestellung von mindestens 10 kleinen Atom-Reaktoren vom Typ BWRX-300 angekündigt. Im Unterschied zu großen Kernkraftwerken verspricht man sich von den kleinen Atom-Reaktoren mit einer Leistung von 300 MW eine kürzere Bauzeit bei geringeren Kosten.

Auch der staatlich kontrollierte Mineralölkonzern PKN Orlen verbindet mit den kleinen Atomreaktoren große Erwartungen. Er hat jetzt mit Synthos Green Energy einen Vertrag zur Gründung eines joint ventures für die Kommerzialisierung der Technologie von kleinen Atom-Reaktoren unterzeichnet. Der Reaktortyp ist zwar in Europa noch nicht zugelassen. Dessen ungeachtet hat der von PiS-Parteichef Jarosław Kaczyński protegierte Vorstandschef von PKN Orlen, Daniel Obajtek, bereits vollmundig angekündigt, dass man mit der Technologie der kleinen Atomreaktoren BWRX-300 auch außerhalb Polens gehen wird. Konkrete Angaben machte er dazu nicht, verwies jedoch auf Länder, in denen Orlen bereits geschäftlich tätig ist. Dazu gehört auch Deutschland, wo PKN Orlen ein Netz von über 600 Tankstellen betreibt.

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Franzosen wollen Atomkraftwerke in Polen bauen

Proteste gegen Atomkraft an den Rest-Segmenten des Atomkraftwerks Żarnowiec, dessen Bau in den 80er Jahren nach der Tschernobyl-Katastrophe gestoppt wurde. Foto: PL-Agentur

 

Der französische Energiekonzern EDF hat der polnischen Regierung ein Angebot für den Bau von vier bis sechs Kern-Reaktoren unterbreitet. In dem Angebot wird die Zielstellung betont, eine strategische polnisch-französische Partnerschaft beim Kohle-Ausstieg Polens in Übereinstimmung mit den EU-Klimazielen zu schaffen.

Das Angebot des vom französischen Staat kontrollierten Energiekonzerns Électricité de France (EDF) kommt jetzt nicht zufällig und lässt eine langfristige Strategie erkennen. Ein Tag zuvor hatte Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron in einer vielbeachteten Rede die Bedeutung und Entwicklung der Atomkraft beim Erreichen der EU-Energie- und Klimaziele hervorgehoben. Frankreich deckt über 70 Prozent seines Strom-Bedarfs aus 58 Atom-Reaktoren und ist damit der zweitgrößte Atomstrom-Produzent der Welt.

Angebot für EPC-Vertrag für vier bis sechs Atomreaktoren

Das jetzt von dem französischen Konzern unterbreitete Angebot an die polnische Regierung beinhaltet einen schlüsselfertigen EPC-Vertrag für vier bis sechs Atom-Reaktoren mit einer Leistung von 6,6 bis 9,9 GW an zwei bis drei polnischen Standorten. Der EPC-Vertrag (EPC – Engineering, Procurement, Construction) umfasst den Entwurf, die notwendigen Lieferungen und den Aufbau von lokalen Lieferketten, den Bau selbst und die Organisation. In der Bauphase können lokal bis zu 25 000 Arbeitsplätze pro Erzeuger-Blockpaar entstehen, verspricht EDF. Die Investitionskosten werden im Fall von vier Reaktoren mit 33 Mrd. Euro angegeben. Bei sechs Reaktoren mit 9,9 GW würden sie 48,5 Mrd. Euro betragen.
Die Atom-Reaktoren können mindestens 60 Jahre bis zu 40 Prozent des polnischen Strombedarfs decken, heißt es in einer Erklärung von EDF. Atomenergie sei eine ,,sichere, zuverlässige und von Co2-Emissionen freie Energiequelle, die wesentlich zur Erreichung der Kohle-Neutralität beiträgt, die es erlaubt, jährlich bis zu 55 Mio. t Co2 zu vermeiden“, erklärt EDF mit Hinweis auf die EPR-Reaktoren der neuen Generation, auf die sich das französische Angebot stützt.
Allerdings sind die EPR-Druckwasserreaktoren (EPR- „Europäischer Druckwasserreaktor“) bisher in der Praxis keine Erfolgsgeschichte. Die einzigen nach mehrjährigen Verzögerungen in Betrieb befindlichen EPR-Reaktoren befinden sich in China, wo die EPR-Reaktoren unter der Bezeichnung ,,Evolutionary Power Reactor“ laufen. Am französischen Heimat-Standort Flamanville ist der ERP-Reaktor seit seinem Baubeginn 2007 wegen zahlreichen Verzögerungen und Baumängeln immer noch nicht am Netz. Seine Kosten haben sich seitdem vervielfacht. Zum Milliarden-Grab sind auch die zwei ERP-Reaktoren im britischen Kernkraftwerk Hinkley Point geworden. Zur ewigen Baustelle mit extrem gestiegenen Baukosten ist auch das ERP-Projekt im finnischen Olkiluoto generiert.

Für den Ausstieg aus der Kohle setzt die polnische Regierung neben der Entwicklung des Offshore-Windenergiesektors in der Ostsee vor allem auf die Atomenergie. Im aktualisierten Regierungsprogramm für den Energie-Sektor ist dazu der Bau von sechs Kernreaktoren vorgesehen. Der Baubeginn wurde auf das Jahr 2026 gesetzt. Der erste Meiler soll 2033 in Betrieb gehen. Experten halten jedoch die Termine bereits für unrealistisch. Bis jetzt ist noch nicht einmal eine endgültige Standort-Entscheidung getroffen worden. Als mögliche Standorte sind seit langem der Ostsee-Badeort Lubiatowo-Kopalino und das rund 30 Kilometer entfernte Kartoszyno am Żarnowiec-See, wo in den 80er Jahren der Bau des ersten polnischen AKW nach Tschernobyl eingestellt wurde, im Gespräch. Entgegen zahlreicher Falschaussagen in deutschen Medien befinden sich diese Standorte jedoch nicht nur 150 Kilometer von Berlin entfernt. Zuletzt wurden auch Standorte in den Braunkohle-Revieren von Konin und bei Bełchatów in Erwägung gezogen.

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EDF hatte bereits 2015 zusammen mit Areva eine Interessen-Erklärung zur Teilnahme am integrierten Verfahren für den Bau des ersten polnischen Kernkraftwerks abgegeben. Zu den Wettbewerbern in diesem Verfahren gehörten auch Westinghouse, GE Hitachi, Korea Electric Power Corporation sowie der kanadische Konzern SNC-Lavalin.
Die Amerikaner schienen zuletzt favorisiert, nachdem Warschau mit der Trump-Regierung noch im vergangenen Jahr einen 30-Jahre-Vertrag zur Entwicklung des polnischen Atomenergie-Programms unterzeichnet hatten, der eine Finanzierung einschloss. Nach dem Wechsel von Donald Trump auf Joe Biden sind die Beziehungen des PiS-regierten Polens zu Washington jedoch deutlich abgekühlt. Die französische Atom-Lobby hat hier sofort ihre Chancen gewittert. Unmittelbar nach dem Wechsel in Washington wurde im Februar mit Philippe Crouzet ein hoher Vertreter für die Zusammenarbeit mit Polen in der Kernenergie in Warschau bestellt und danach eröffnete die EDF in Warschau ihr Büro. Frankreich will sich mit Polen die führende Rolle bei der Kernenergie in der Europäischen Union teilen, sagte dazu Crouzet der polnischen Nachrichtenagentur PAP.

Forderung nach EU-Geldern für Kernkraftwerke

Im Sommer haben denn auch der französische Präsident Emmanuel Macron gemeinsam mit polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki und den Regierungschefs von fünf weiteren EU-Staaten ein Schreiben an die EU-Kommission mit der Forderung aufgesetzt, neue Atomkraftwerke als nachhaltig und förderwürdig einzustufen. Bislang war im EU-Beihilferecht eine direkte Förderung von Atomkraftwerken mit EU-Fördermitteln ausgeschlossen. Macron setzt darauf, die Atomkraft als Co2-freie Energie zum Bestandteil der EU-Klimastrategie zu machen.

Wenn dies gelingt, könnten dann auch Gelder aus Brüssel für die Atomenergie fließen. Polen dürfte dabei als eines der größten EU-Länder ein starker Partner sein. Es ist daher auch kein Zufall, dass zeitgleich mit dem Angebot des vom französischen Staat beherrschten Konzerns EDF das polnische Klima-Ministerium die Forderung nach einer Möglichkeit der Kofinanzierung der Atomenergie mit EU-Geldern erhebt.

© Andreas Höfer / infopol.PRESS

 

Tagebau: Polen soll täglich eine halbe Mio. Euro Strafe zahlen

Der Europäische Gerichtshof EuGH hat Polen wegen des fortlaufenden Betriebs des Braunkohle-Tagebaus Turów zu einer  Geldstrafe verdonnert. Polen solle täglich 500 000 Euro an den EU-Haushalt zahlen, weil es einer einstweiliger Anordnung des Europäischen Gerichtshofes vom Mai nicht Folge geleistet habe, den Braunkohle-Abbau im Dreiländer-Eck Polen-Tschechien-Deutschland zu stoppen.

In einer ersten Reaktion bezeichnet der Vorstandschef des staatlichen Energiekonzerns PGE, Wojciech Dąbrowski, zu dem der Braunkohlen-Tagebau gehört, die Entscheidung des Gerichtshofes als ,,kurios“. Man werde nicht die Kohleförderung stoppen. Auch Regierungssprecher Piotr Müller wies die Entscheidung des EuGH als nicht gerechtfertigt und unverhältnismäßig zur Situation zurück. Eine Schließung des Tagebaus gefährde die Stabilität des polnischen Energieversorgungssystems. Das Kraftwerk Turów, das von dem nahegelegenenTagebau mit Braunkohle versorgt wird, sichert bis zu 7 Prozent der polnischen Energie-Erzeugung. Keine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes könne in Bereiche eingreifen, die mit der grundsätzlichen Sicherheit von EU-Mitgliedstaaten in Verbindung stehen, unterstrich Müller.

Grafik: PL-Agentur, Openstreetmap

Was aber auf den ersten Blick als Zwangsmaßnahme des übergriffigen EU-Verwaltungsapparates zur beschleunigten Durchsetzung der Klimaziele und dem Kohle-Ausstieg erscheint, ist tatsächlich die Reaktion auf einen Nachbarschaftsstreit und auf eine Klage der Tschechischen Republik gegen Polen. In der EU, wo man in der Regel bei  Differenzen und Meinungsverschiedenheiten auf Verständigung und Verhandlungen setzt, kommt es relativ selten vor, dass ein EU-Staat gegen einen anderen EU-Staat klagt. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit Polen und dessen Blockadehaltung setzte Tschechien aber auf dieses Instrument, weil es überzeugt war, dass Polen mit der Verlängerung  der Abbau-Lizenz für den Tagebau Turów ohne eine Umweltprüfung gegen EU-Recht verstoße. Durch den Bergbau seien akute Bodenbewegungen und Grundwasserprobleme, die die Trinkwasser-Versorgung der Bevölkerung in der benachbarten tschechischen Region Liberec beeinträchtigen, aufgetreten. Hinzu komme die Staub- und Lärm-Belastung.

Im Rahmen der Klage beantragte Tschechien beim EuGH eine vorläufige Anordnung, dass Polen den Abbau im Tagebau Turów bis zu einer endgültigen Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes aussetzen solle. Der EuGH folgte diesen Antrag und erließ am 21. Mai dieses Jahres die einstweilige Anordnung zur Schließung des Tagesbaus.  Polen befolgte die Anordnung allerdings nicht und setzte den Kohle-Abbau im Tagebau fort. Tschechien beantragte daraufhin am 7. Juni zur Durchsetzung der einstweiligen Anordnung eine Geldstrafe für Polen in Höhe von 5 Mio. Euro pro Tag.  Polen beantragte dagegen die  Aufhebung der Anordnung mit dem Verweis auf die geänderten Umstände. Diese wurden aber mit den gleichen Punkten begründet, die schon gegen den ursprünglichen Antrag Tschechiens vorgebracht wurden. Nach Ansicht des EuGH handelte es sich dabei nur um eine Wiederholung von Argumenten, mit denen keine geänderten Umstände begründet werden. Polens Antrag wurde zurückgewiesen

Opposition: Schuld trägt die Regierung

Nach Ansicht der Opposition, die vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Auswirkungen die vom EuGH angeordnete sofortige Schließung des Tagebaus auch als überzogen betrachtet, trägt die Regierung in Warschau die alleinige Verantwortung für die jetzt verhängte Geldstrafe, für die letztlich der Steuerzahler aufkommen muss. Bereits einige Tage nach der einstweiligen Anordnung der EU hatte Ministerpräsident Mateusz Morawiecki, der im Volksmund ,,Pinocchio“ genannt wird, noch laut in der Öffentlichkeit getönt, dass man kurz vor dem Abschluss einer Vereinbarung mit dem tschechischen Nachbarn steht und Tschechien bereit sei, seine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof zurückzuziehen. Die Reaktion aus Prag erfolgt prompt. Er wisse nichts von einer solchen Vereinbarung, erklärte der tschechische Regierungschef Babisz.

Seit dem sind bereits über 100 Tage vergangen. Der von der tschechischen Seite vorbereitete Entwurf eines bilateralen Vertrages, der eine finanzielle Beteiligung Polens an Investitionen im Wert von 40 bis 45 Mio. Euro  an Bau-Maßnahmen zur Verhinderung der weiteren Grundwasser-Senkung durch den Tagebau auf tschechischer Seite und Eindämmung der Staub und Asche-Belastung vorsieht, wartet noch weiterhin auf eine Unterschrift von der polnischen Seite. Polen, das immer vorneweg ist, wenn es um die Milliarden aus den EU-Töpfen geht, sträubt sich, der Vereinbarung in dieser Form zuzustimmen. Mit der jetzt verhängten Geldstrafe wird der Druck auf die Regierung zum Handeln erhöht.

© André Jański / infopol.PRESS

Ostsee-Erdgasleitung Baltic Pipe in Polen angelandet

Die rund 275 Kilometer lange Gas-Pipeline Baltic Pipe ist jetzt aus der Ostsee auf das polnische Land geführt worden. Damit kann ab 1.Oktober kommenden Jahres norwegisches Erdgas nach Polen fließen, ist sich der Sonderbeauftragte der polnischen Regierung für strategische Energie-Sicherheit, Piotr Naimski, sicher. Gleichzeitig kündete er an, dass Polen den langfristigen Erdgas-Liefervertrag mit der russischen Gazprom auslaufen lässt und der Vertrag nicht verlängert wird. Russisches Erdgas werde durch Erdgas aus Norwegen ersetzt.

Der letzte Abschnitt der Unterwasser-Leitung ist aus dem Pipelinelege-Schiff Castoro Sei am Strand östlich von Niechorze an Land gezogen, meldet der polnische Gasnetz-Betreiber Gaz System. Dafür wurde ein 1,5 Kilometer langes und 119 mm starkes Stahlseil zu Hilfe genommen. Zuvor wurde bereits unter dem Strand ein rund 600 Meter langer Tunnel vorbereitet. Wie Gaz System betont, wurde bei den Tunnelarbeiten durch die Anwendung der Mikrotunneling-Technologie nicht optisch in die Ufer-Linie eingegriffen. Beim Mikrotunneling werden die Rohre im Rohrvortriebsverfahren grabenlos verlegt.
Nach Verschweißen der Rohrenden bleiben nach Angaben von Gaz System bis zur Fertigstellung der Gas-Pipeline Baltic Pipe jetzt nur noch ein Strecken-Segment auf der dänischen Insel Seeland, wo die Pipeline bei Faxe in die Ostsee nach Polen geführt wird. Der Sonder-Beauftrage der polnischen Regierung für strategische Energie-Sicherheit, Piotr Naimski, ist sich aber sicher, dass die Ostsee-Pipeline Baltic Pipe zum 1. Oktober kommenden Jahres betriebsbereit ist und dann norwegisches Erdgas nach Polen fließt. Auf dem katholischen Radio-Sender Siodma9 bekräftigte Naimski den langfristigen Vertrag zur Lieferung von russischen Erdgas mit Gazprom nicht zu verlängern und russisches Erdgas durch norwegisches Erdgas zu ersetzen.
Bei einem Gesamt-Absatz von 31,6 Mrd. m³ Erdgas des staatlichen polnischen Erdgasversorger PGNiG hatte Polen im vergangenen Jahr über 8 Mrd. m³ russisches Erdgas von Gazprom über die auf Land verlaufende Jamal-Pipeline bezogen.
Mit dem direkten Bezug von norwegischen Erdgas über die neue Ostsee-Pipeline Baltic Pipe nach Polen ist die strategische Zielstellung verbunden, sich von russischen Erdgas-Lieferungen unabhängig zu machen.

Jährlich 10 Mrd. m³ norwegisches Erdgas über Baltic Pipe nach Polen

Foto: Energinet

Die Baltic Pipe ist auf eine Liefermenge von jährlich 10 Mrd. m³ norwegisches Erdgas nach Polen ausgelegt. Bei der Baltic Pipe handelt es sich um eine Anschluss-Leitung an die schon seit Jahren bestehende Erdgas-Leitung Europipe II, über die norwegisches Erdgas nach Deutschland/Westeuropa gebracht wird. Die Baltic Pipe schließt westlich der dänischen Küste an die Europipe II an und führt quer über Dänemark bis zur größten dänischen Insel Seeland, wo sie nahe der östlichen Stadt Faxe in die Ostsee überführt wird. Ihr weiterer Weg durch die Ostsee führt südlich der Insel Bornholm vorbei bis zur polnischen Ostsee-Küste, wo sie jetzt beim Seebad Niechorze an Land geführt wurde.
Bei einer Gesamtlänge von 900 Kilometern entfallen rund 275 Kilometer auf den Meeresverlauf zwischen Dänemark und Polen. Investoren und Bauträger sind der polnische Gasnetzbetreiber Gaz-System und der dänische Gas- und Stromnetzbetreiber Energinet.
Die Pipeline durch die Ostsee wurde von dem italienischen Unternehmen Saipem mit seinen drei Pipe-Verlegeschiffen Castorone, Castoro Sei und Castoro10 verlegt. Das italienische Unternehmen war bereits Generalauftragnehmer des LNG-Gashafens in Swinemünde (Świnoujście), der 2015 mit Verspätung fertiggestellt wurde. Daher hatte die Auswahl von Saipem durch den polnischen Netzbetreiber Gaz System bereits bei der Entscheidungsfindung einige Unruhe ausgelöst. Dabei blieb es nicht. Da der Bau der Baltic Pipe von der polnische Regierung als strategische Investition für die Energiesicherheit Polens eingestuft war, hatten weitere Auswahl-Entscheidungen des Netzbetreibers Gaz System für politische Emotionen bezüglich der geringen Beteiligung polnischer Unternehmen an dem Projekt ausgelöst. So wurde mit dem Bau der Anschlussleitung an die Baltic Pipe zwischen Goleniów und Lwówek das niedersächsische Unternehmen PPS Pipeline Systems GmbH (Habbau-Gruppe) im Joint venture mit dem litauischen Unternehmen UAB MT Group beauftragt.

Auftragsvergabe mit politischen Kontroversen

Die größte politische Kontroverse löst jedoch das bayrische Unternehmen Max Streicher mit den durch seine italienische Niederlassung Max Streicher S.P.A abgegebenen Geboten für den Bau und Ausbau von drei Kompressoren-Stationen aus. Max Streicher verfügte zwar über jahrzehntelange internationale Erfahrungen in Großprojekten für den Pipeline- und Stationsbau. Das Unternehmen war aber auch an dem den Bau einer 220 Kilometer langen Trasse der Erdgasleitung EUGAL im Osten Deutschlands beteiligt, über die russisches Erdgas von Nord Stream 2 weitergeleitet wird. Noch Ende des vergangenen Jahres wurde in einer parlamentarischen Anfrage im Interesse der nationalen Sicherheit eine Verifizierung der Auftragsvergabe gefordert. Man solle nicht einem Unternehmen Verdienst-Möglichkeiten an Baltic Pipe geben, ,,das Nutznießer einer solch schädlichen Investition wie Nord Stream 2 ist“, hieß es auch von der Opposition.
Da dem polnischen Netzbetreiber Gaz System aber die Zeit weglief, war die Möglichkeiten einer Korrektur nur beschränkt. Am 31. Dezember kommenden Jahres läuft der Vertrag mit der russischen Gazprom aus. Bis dahin muss norwegisches Erdgas über die Baltic Pipe fließen.

© André Jański / infopol.PRESS

 

Polnische Milliardäre bauen Atomkraftwerk im Braunkohle-Revier

Foto-Montage: PL-Agentur / PAK Pątnów

Die polnischen Privat-Unternehmer Michał Sołowow und Zygmunt Solorz haben einen Vertrag zur Gründung eines gemeinsamen Unternehmens unterzeichnet, das ein Atomkraftwerk in Pątnów nahe der zentralpolnischen Stadt Konin bauen wird.
Das Atomkraftwerk soll auf der Basis von kleinen modularen Kernreaktoren vom Typ BWRX-300 arbeiten, die von General Electric und Hitachi entwickelt wurden. Dabei handelt es sich um Siedewasser-Reaktoren, die sowohl Strom, wie auch Wärmeenergie erzeugen. In der Planung sind vier bis sechs SMR-Reaktoren mit einer Leistung von jeweils 300 MW.
,,Die globale Erwärmung ist leider ein Fakt. Der Kohle-Ausstieg ist eine Notwendigkeit, die nicht nur aus der Sorge um den Planeten hervorgeht, sondern auch aus den realen Bedürfnissen der Wirtschaft und der Kosten-Effektivität“, sagte der Milliardär Michał Sołowow bei der Vertragsunterzeichnung. Nach seiner Auffassung sei die natürliche Antwort auf diese Krise moderne Atom-Technologien, ,,die sich jedoch stützen auf in der Vergangenheit geprüfte Lösungen. Wenn wir uns weiter im schnellen Tempo entwickeln und eine immer vermögendere Gesellschaft werden wollen, die weitere ausländische Investitionen nach Polen zieht, dann brauchen wir den Zugang zu einer preislich attraktiven Energie“, setzte Sołowow mit Blick auf die Strompreise im polnischen Großhandel hinzu, die inzwischen zu den höchsten in Europa gehören und für die die Unternehmen aufkommen müssen.
Die gemeinsame Unternehmung der Milliardäre Sołowow und Solorz baut auf die Aktiva der Kraftwerks-Gruppe ZE PAK auf. Der von Solorz kontrollierte Energie-Produzent war bisher der zweitgrößte Braunkohle-Verstromer in Polen. Im vergangenen Jahr hatte der Aufsichtsrat der Unternehmensgruppe beschlossen, vorfristig und endgültig aus der Kohle auszusteigen.
Vertragspartner der PAK für das gemeinsame Unternehmen ist die Innovation Impulse GMBH mit Sitz in Wien, deren alleiniger Eigentümer Michał Sołowow ist. An der Unternehmung ist auch die die Argumenol Investment Company Limited mit Sitz in Nicosia und die Synthos Green Energy S.A. mit Sitz in Warschau beteiligt. Auch diese Unternehmen gehören jeweils zu Solorz und Sołowow.
Die beiden Privat-Unternehmer nehmen seit Jahren im Forbes-Ranking der reichsten Polen eine der vordersten Plätze ein. Neben Beteiligungen an Industrie-Unternehmen wie der ZAK-Kraftwerke hatte sich Solorz vor allem mit dem Aufbau der Unternehmensgruppe Polsat Plus in Polen einen Namen gemacht. Zu der Unternehmensgruppe gehören u.a. der private Fernsehsender Polsat und der Betreiber des Mobilfunknetzes Plus.
Zum Firmen-Portfolio von Sołowow gehören dagegen neben Beteiligungen in der Verpackungs- und Immobilienbranche und Investitionen in der Keramik- und der Parkettboden-Industrie (Barlinek) die Synthos-Gruppe, die der größte Hersteller von synthetischen Kautschuk und von aufgeschäumten Polystyrol (EPS) in Europa ist.

Exklusiv-Vertrag mit GE Hitachi Nuclear Energy Americas LLC 

Die Synthos Gruppe hatte bereits 2019 mit der GE Hitachi Nuclear Energy Americas LLC eine Absichtserklärung zur Einführung des Baus von Kernreaktoren vom Typ BWRX-300 in Polen unterzeichnet, der im Sommer vergangenen Jahres eine strategische Kooperations- und Exklusivitätsvereinbarung folgte. In der gemeinsamen Unternehmung kommt der Synthos Green Energy auch die Aufgabe zu, mit der Nationalen Atomenergiebehörde (PAA) Polens den Dialog mit der Zielstellung zu führen, den Bau eines Kernkraftwerks in Polen auf Basis der BWRX-300-Technologie im Zeitraum von 2025 bis 2030 zu ermöglichen.
Größtes Hindernis für die Einhaltung dieses Zeitplanes sind die die notwendigen Zertifizierungs-Verfahrens. Bisher ist die SMR-Technologie in den USA noch nicht zertifiziert. Am schnellsten ist mit einer Zertifizierung in Kanada zu rechnen. Danach müsste aber die Technologie in Europa zertifiziert werden, bevor die polnischen Behörden in die Genehmigungsverfahren einsteigen können.

Staat plant drei Kernkraftwerke

Die ambitionierten Pläne der polnischen Unternehmer bringen auch die Regierung in Warschau in Zugzwang. Seit nunmehr über zehn Jahren wird in Warschauer Regierungskreisen an Analysen, Konzeptionen und Plänen zum Bau des ersten Atomkraftwerks in Polen gearbeitet. Die neueste Version des Atomenergieprogramms der Regierung sieht den Bau von sechs Kernreaktoren mit einer Leistung von 6 bis 9 GW vor, die in 20 Jahren rund 20 bis 25 Prozent der polnischen Energie-Erzeugung sicher stellen sollen.
Als Standorte für die drei Kernkraftwerke wurde die Gegend um Żarnowiec an der Ostseeküste sowie die Braunkohle-Standorte Belchatow und eben auch Pątnów in die engere Auswahl genommen. Entscheidungen und Beschlüsse sind aber bis heute noch nicht getroffen worden. In einer Mitteilung des neuen Unternehmens beeilte sich deshalb der Vorstandschef von ZE PAK, Piotr Woźny, zu erklären: ,,Unsere Pläne stehen nicht in Konkurrenz zu den Plänen des Staates. Die SMR-Kernreaktoren ersetzen nicht die große staatliche Energiewirtschaft. Sie können aber dazu eine großartige Ergänzung darstellen“.

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Erdgasversorger PGNiG kauft ukrainisches Gas-Unternehmen

Foto: PGNiG

Der staatlich kontrollierte polnische Erdgasversorger PGNiG hat eine Mehrheits-Beteiligung an dem ukrainischen Unternehmen Karpatgazvydobuvannia erworben, das über eine Förder-Lizenz für ein an Polen angrenzendes Gebiet besitzt. Ab 2023 ist dort die Aufnahme der Erdgasförderung geplant.

Im Rahmen der Transaktion habe die PGNiG 85 Prozent der Aktien von Karpatgazvydobuvannia gekauft, teilte der polnische Erdgasversorger mit. Bisheriger Eigentümer des ukrainischen Unternehmen war die in den USA registrierte ERU Management Services, von der die PGNiG die Anteile erwarb. Angaben über den Kaufpreis wurden nicht gemacht.

Bereits Kooperation bei Flüssiggas-Lieferungen aus den USA in die Ukraine

Die PGNiG und ERU arbeiten bereits seit einigen Jahren bei der Lieferung von Erdgas aus Polen in die Ukraine zusammen. So hatte die ERU bisher Flüssig-Gas-Lieferungen aus den USA über den LNG-Hafen Swinemünde (Świnoujśćie) in die Ukraine kontraktiert. Das mit Tankschiffen aus den USA zum polnischen LNG-Hafen auf der Insel Usedom gelieferte Flüssig-Gas wird dabei nach der Regasifizierung in das Fernleitungs-Netz der PGNiG eingespeist und über den Interkonnektor in Hermanowice in Südostpolen in die Ukraine weitergeleitet. Bereits 2019 hatten beide Unternehmen auch einen Vertrag über die Erdgasförderung in der Ukraine unterzeichnet.

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Die Förder-Lizenz, über die das vom polnischen Erdgasversorger übernommene ukrainische Unternehmen verfügt, bezieht sich auf ein 200 km² grosses Gebiet in der Region um Lwów (Lemberg).
Bereits in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte angloamerikanische Unternehmen in diesem Gebiet, das vor 1939 zu Polen gehörte, Erdöl-Bohrungen durchgeführt. In den angrenzenden Gebiet bei Przemyśl (Karpaten-Vorland) fördert der polnische Erdgas-Versorger PGNiG selbst seit 60 Jahren Erdgas – bisher 65 Mrd. m³. Polnische Geologen hatten seit langen vermutet, dass das auf polnischer Seite ausgebeutete Erdgas-Feld bei Przemyśl bis in die Ukraine weiterreicht, da dort die gleichen geologischen Strukturen vorliegen.

Die Ergebnisse der bisher durchgeführten geophysikalischen und geologischen Untersuchungen im Gebiet sind laut PGNiG vielversprechend. Ab kommenden Jahr will die PGNiG in dem Gebiet Probe-Bohrungen und Fördertests vornehmen. ,,Wenn die Ergebnisse der Analysen sich bestätigen und wir Gas finden, wird die Erdgas-Förderung im Jahr 2023 beginnen“, sagte PGNiG-Vorstandschef Paweł Majewski. Das Erdgas soll im wesentlichen in das ukrainische Erdgas-Netz eingespeist werden. Möglich sei nach Aussage von Majewski jedoch auch eine Weiterleitung nach Polen.
Die Ukraine, die bisher aufgrund eigener Förder-Defizite ein Drittel ihres jährlichen Erdgasverbrauchs durch Importe abgedeckt hat, verfügt über die zweitgrößten Erdgasreserven in Europa.

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